Tempo, Tempo

Das Ramon Valle Trio spielt in Wittlich. Ein vielversprechender Beginn: Jazz mit Anklängen an barocke Rhetorik, (Präludium, Toccata, Fantasie)- eine hervorragend gemachte Verbindung über Jahrhunderte hinweg, die Erwartungen weckt. Doch diese werden nicht erfüllt, der Abend nimmt einen völlig anderen Verlauf. Die Mehrdimensionalität, die sich in diesem kurzen Prolog anzudeuten schien bleibt aus,  stattdessen jagt Valle verliebt in die eigene Virtuosität  in den diversen Stücken der beiden Sets durch die Skalen, hier eine Umspielung, da eine, dort auch noch eine, noch schneller und noch vertrackter. Bassist und Drummer arbeiten ihm dabei zu. Ein wirkliches Trio ist es nicht, eher eine Eins – plus – Zwei – Formation. Daran ändern auch die virtuosen Soli des Bassisten und das souveräne Spiel des Drummers nichts. Dynamische Gestaltung und Farben stehen im Hintergrund, die Modulationen sind eher konventionell, nicht wirklich überraschend. Langsame Passagen oder Piano-Stellen haben, wenn sie mal auftauchen, etwas Klischeehaftes. Und werden schnell hinter sich gelassen. In Leonard Cohens  „Halleluja“ – ergeht sich Valle in seinem Arrangement für Piano solo alsbald in technisch komplizierten, aber harmonisch harmlosen Umspielungen, die das ohnehin schwache Stück vollends in den Kitsch abgleiten lassen. Jerome Kerns „All the things you are“, ein Klassiker mit einer sehr komplexen harmonischen Struktur, die vielfältige Ansatzmöglichkeiten bietet, gerät in der Interpretation dieses Trios  - Tempo, Tempo – zum völlig überzogenen artistischen Showpiece. Über einen längeren Zeitraum einmal langsam spielen, der Musik Zeit zum Atmen lassen, an diesem Abend ging das wohl nicht. Eine Party sollte es sein laut Valle und so war es auch: gut gelaunt, etwas oberflächlich, laut,  manchmal auch lärmend – und zunehmend ermüdend. Cuban Jazz als die Wiederholung alter Klischees. Technisch brilliant, musikalisch doch eher eindimensional. Nur gelegentlich, etwa in den Zugaben, blitzt auf, dass es auch anders hätte sein können. Schade.

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Kultur als Realsatire

Das “literarische Flaggschiff des Kultursommers Rheinland-Pfalz” eröffnet mit  Anselm Grün und  „Die hohe Kunst des Älterwerdens“. Schon nach wenigen Sätzen der im Netz zu findenden Leseproben weiß man: Von diesem mit Rauschebart und Kutte dekorierten Geschreibsel über das Altern sollte man aus Gründen geistiger Hygiene die Finger lassen. Einige “Kostproben”:

Grün, Biografisches in miserablem Deutsch erzählend (Die Mutter darf – interessant für den Psychologen- nicht fehlen): ”Meine Mutter war jahrelang Vorsitzende vom Frauenbund in der Pfarrei. Im Alter haben sich die Frauen jeden Montag getroffen und miteinander Kaffee getrunken. Dabei haben sie sich ganz viel aus ihrem Leben erzählt. Das war wie eine Therapiestunde für sie. Sie konnten ehrlich erzählen und mussten nichts beschönigen. So wurde jede gehört. Und alte Wunden wurden durch das Erzählen geheilt. Sie nahmen Anteil am Leben der anderen – auch an deren Krankheiten und Beschwerden, die mit der Zeit immer mehr auftraten. So fühlten sie sich nicht allein …”

Exegese betreibend ( Was für ein Frauenbild verbirgt sich hinter der zustimmenden Interpretation?): “Sie (Hanna) erfüllt das Idealbild der christlichen Witwe, das der Erste Timeothusbrief für die christliche Gemeide entwirft.`Eine Frau, die wirklich eine Witwe ist und allein steht, setzt ihre Hoffnung auf Gott und betet beharrlich bei Tag und Nacht.´

Tautologien von sich gebend: “Weise Alte verstehen das Leben.”

Selbstverständlich wird auch die Geistesgeschichte von Platon bis zu C. G. Jung und Romano Guardini bemüht – in ungelenken Sätzen und mit einer Textstrategie, die der Schriftsteller Horst Krüger, als er sich einmal über die Machart solcher Bücher äußerte,  so charakterisierte:

„Verfall und spätes Licht, Verlust und endlicher Gewinn, Stirb und Werde: Harmonisierungen auf der ganzen Linie. Zum Schluss soll immer so etwas wie eine Reifungsphase ins Absolute herauskommen: Der Greis tappt endlich ins Licht der Verklärung hinüber. Ein heruntergekommener deutscher Idealismus verschränkt sich mit einem missratenen Christentum.“

Dass  der Leiter des  Eifel – Literatur – Festivals, der im Hauptberuf Lehrer  für Deutsch (!) und Geschichte ist,  einen solchen sprachlichen und gedanklichen Müll für festivalwürdig hält und gar die Auftaktveranstaltung damit bestreitet, macht einen fassungslos. Und auch die Kulturredaktion des TV ist munter mit Artikeln über Grün dabei. Unbegreiflich, dass dort keiner sagt, das machen wir nicht.

Eintausendvierhundert Personen  werden zu Grün ins Wittlicher Eventum pilgern und damit Zeugnis über ihren geistigen Zustand ablegen. Das Festival bejubelt den gelungenen Vorverkauf.  Der Bürgermeister der Kulturstadt Wittlich sieht das Eventum  angesichts der Verkaufszahlen auf einem guten Weg und freut sich.

Kultur als Realsatire.

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Carla Bley Trio: Im Innern der Musik

Synagoge Wittlich,  Sonntagabend: Es spielt das Carla Bley Trio, Carla Bley, Piano, Steve Swallow, Bass, Andy Sheppard, Saxophon(e). Man sitzt da und hört und staunt und weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Qualität der Kompositionen, die Leichtigkeit des Spiels, die beiläufige Virtuosität, die Abstimmung des Trios aufeinander. Die Musik fließt, die Stücke – bis auf eines alle von Carla Bley –  spielen mit der Jazzgeschichte.  An ihrer Oberfläche die bekannten Formen und Konventionen, in ihrem Innern ein ständiger Perspektivenwechsel, immer neue Reflexionen, durchzogen von einer leisen Ironie. Motive, Phrasen, Melodien, Harmonien: Vieles glaubt man zu kennen, um dann sofort durch eine Modulation, eine überraschende Harmonisierung, eine rhythmische Variation eines Besseren belehrt zu werden. All dies geschieht sehr unauffällig, gänzlich uneitel und ist handwerklich extrem gut gemacht. Große Gesten, demonstrative Fingerzeige hat dieses Trio nicht nötig.  Eine Dekonstruktion des Jazz und zugleich auch seine positive Utopie, Musik voller Wärme und Poesie, intellektuell, subtil und sinnlich zugleich. Traumhaft.

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Der Tradition verpflichtet?

Das neue Programm der „Wittlicher Konzerte” liegt vor und einen Bericht über den Musikkreis der Stadt Wittlich gab es kürzlich auch im TV: Programmatisch bleibt alles, trotz vorsichtigster Annäherung ans zwanzigste Jahrhundert, wie gehabt, wie die Aussagen der Vorstandsmitglieder nahe legen.

„Wir fühlen uns der Tradition sehr verpflichtet.“

Welcher Tradition? Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms? Endet die Tradition mit der Romantik? Gehören Schönberg, Webern, Berg, Hindemith, Stravinsky nicht zur Tradition? Sind nicht Boulez und Henze, Holliger und Rihm auch Bestandteil der Tradition. Welcher Tradition fühlt man sich verpflichtet? Der der Fortschreibung von im 19. Jahrhundert entstandenen Rezeptionsgewohnheiten eines bürgerlichen Publikums, das “klassische” Musik  konträr zur Intention ihrer Urheber als Evasionsangebot nutzt und gereizt reagiert, wenn man es in seinem seligen Schlummer stört (Noltze)?

„Was sollten wir ändern, wo es so gut läuft?“

Sie sollten sich nicht nur der Tradition verpflichtet fühlen, sondern diese Verpflichtung auch umsetzen, mit Leben erfüllen. Tradition ohne Gegenwartsbezug ist tote Tradition, bl0ße Vergangenheit, mehr nicht. Alle großen Komponisten haben sich der Tradition  verpflichtet gefühlt und in Auseinandersetzung mit ihren Inhalten und Formen Neues geschaffen. Sich der Tradition verpflichtet fühlen heißt,  sie in den Kontext der Gegenwart zu stellen, Musik der Gegenwart ins Programm zu nehmen, öfter einmal mal etwas zu riskieren.

Warum also nicht Streichquartette von Beethoven in Kombination mit solchen von Stenhammar oder Rihm spielen lassen. Warum nicht Lieder von Schubert und Schumann mit solchen von Federico Mompou paaren. Warum nicht Bach und Schumann mit Kurtag kontrastieren? Frescobaldi  mit Cage, Schubert mit  Widmann? Die Gema-Gebühren mögen ärgerliche Mehrkosten sein, sind aber zu verkraften.

Warum also  nicht ein entdeckungsfreudiges, offenes, spannendes und Impulse gebendes Programm machen. Ansätze dazu hat es vor einigen Jahren ja durchhaus gegeben.

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Wittlicher Kulturtage – Ein Nachtrag

“Das Licht ist Gott, der herabsteigt, die Sonne – Bresche des Himmels, durch die der Herr sich verströmt.“

„Schwere Kost“  befand der  Rezensent  im TV und hat auch gleich  in Federico Garcia Lorca, dem Urheber dieser  Zeilen, das Problem ausgemacht.  Ja, diese Zeilen sind nicht Lifestyle – kompatibel,  kein um Publikumsgunst buhlender Poetryslam, kein Anekdötchen und nicht zwanghaft ironisch wie kürzlich die Geschichten von Kaminer in Greimerath. Aber schwere Kost?  Da stellt sich schon die Frage, was man denn an geistiger Nahrung so zu sich nimmt.

Und mit dieser Frage ist man beim Kernproblem der Wittlicher Kulturtage. Einmal abgesehen davon, dass ein enger gefasstes Motto wie „Text und Musik“, oder „Literatur und Musik“ die Auswahl für mein Empfinden genauer charakterisiert hätte, das Programm war gut zusammengestellt, interessant  und zeigt sichtbar die Absicht, der “Zerstreuungs- und Nivellierungsbedröhnung“ (Ulla Berkewicz) zu entgehen und etwas Nachhaltiges anzubieten: Galeano-Projekt, LeseConcert, Geschichten aus dem Stetl, Lorca-Abend.  Nur, es wurde nicht wirklich angenommen. Insgesamt tausend Zuhörer, das hört sich gut an, relativiert sich aber bei näherem Hinsehen. Zwei Veranstaltungen erzielen zusammen zwei Drittel der gesamten Zuhörerzahl. Die restlichen sechs nur etwa ein Drittel.  Die vierhundert Besucher beim Haydn – Oratorium  kamen in erster Linie nicht wegen Haydn, sondern weil sie ihre Freunde, Bekannten und Verwandten im Chor hören wollten. Das liegt in der Natur eines solchen Projektes. Bestens besucht auch der Abend mit den „Schönen Mannheims“. Aber machen wir uns nichts vor. Diese Truppe ist hübsch anzusehen, doch intellektuell und musikalisch eher brav, gehobene Unterhaltung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Lifestyle – kompatibel und deshalb ausverkauft. Das Galeano – Projekt: musikalisch und literarisch deutlich anspruchsvoller als die Schönen Mannheims und mit etwa siebzig Zuhörern auch deutlich schlechter besucht. Der Lorca-Abend: hinsichtlich Qualität und Rezitation der Texte, der sie begleitenden Musik und ihrer traumhaften Interpretation der einsame Gipfelpunkt der Kulturtage – und was die Zahl der Zuhörer betrifft, der absolute Tiefpunkt. Etwa zwanzig Zuhörer, ein beschämendes Desaster. Die Stadt verweist auf Terminkollisionen. Meines Erachten gilt dies höchstens für eine Handvoll potentieller Zuhörer.  Es lag nicht an der an diesem Abend gleichzeitig stattfindenden Weinprobe oder dem zeitgleich laufenden Jahreskonzert des Musikvereins Lüxem.  Es lag an der Beschaffenheit des Wittlicher „Kultur“ – Publikums. Entgegen allen Bekundungen ist dieses nämlich in seiner großen Mehrheit nicht aufgeschlossen und neugierig, man ist „verhaftet in seiner Peergroup“ (so ein Kenner der Wittlicher Szene) und möchte daran auch nichts ändern. (siehe Aussagen zum Kulturkonzept im heutigen TV, Kommentar folgt).

Das Licht ist Gott, der herabsteigt, die Sonne – Bresche des Himmels, durch die der Herr sich verströmt.“

Die Stadt bietet Kultur auf höchstem Niveau – Lorcas Gedichte sind  Weltliteratur, berückend schön, existentiell und politisch aktuell, Britten ist einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhundert, Norgard eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Musik, die Interpreten sind fabelhaft- und kaum einer geht hin.

Nicht die Stadt hat ein Problem mit Kultur, sondern ihre Bürger.

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“Krise – wo ist denn hier die Krise?” Hier, Herr Lintz!

Lieber Herr Lintz,

folgen Sie mir doch einfach ins Programmheft 2013 des Mosel-Musikfestivals:

Vorwort ( S. 6) eine Stelle aus Ausonius `Mosella´, der Intendant interpretiert: “*Alles hast du allein, was der Quell und der Bach und der Fluss hat… und der Fels und die sonnige Höh`, das Thal und der Abhang, dicht von Reben bepflanzt, ein herrlich Schauspiel uns zeigen*. Bildgewaltige Visionen über einen Fluss im  Herzen Europas, Eurovisionen könnte man sagen.”

“Sie (Simone Kermes) verwandelt die hohe Kunst des Koloraturgesangs in ein Rock´Roll- Feuerwerk.” (S. 47)

“Inmitten der römischen Bäderlandschaft des Thermenmuseums bietet sich den Fans auf der Couch, dem Boden oder im Sessel lümmelnd der ultimativ relaxte Konzertgenuß.”( S. 51)

“Dabei stellen die Akteure die internationale Klassikwelt buchstäblich ´auf den Kopf` und sprengen mit ihrer Übersetzung von Bachs ´Wohltemperierten Klavier` die Grenzen zwischen Klassik und Moderne. “( S. 65)

“Zum Vergnügen”(S.15) lautet die Überschrift der Konzertauflistung (S. 16/17).  Das erste Konzert auf dieser Liste: Benjamin  Brittens „War Requiem“.

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“Mit dem Licht der Zwischenräume arbeiten”"

Peter Handke zum siebzigsten Geburtstag

“Im Zeichen der Erzählung habe ich angefangen! Weitertun. Sein lassen. Geltenlassen. Darstellen. Überliefern. Weiter den flüchtigsten der Stoffe bearbeiten, deinen Atem; dessen Handwerker sein. “(Nachmittag eines Schriftstellers, 1987)

„Schließ die Augen, und aus dem Schwarz der Lettern bilden sich die Stadtlichter.“  (Der Chinese des Schmerzes,1983)

„Ein Grollen kam dazu, eher ein fernes Rauschen im Luftraum, und fast zugleich empfand ich hautnah ein Gebrüll: den bösesten aller  Laute, Todes- und Kriegsgeschrei zugleich, ohne Ansatz das Herz anspringend, das sich in der Phantasie kurz als Katze buckelt. Ende der Farben und Formen in der Landschaft: Nur noch ein Gebissweiß, und dahinter bläuliches Fleischpurpur.“  (Die Lehre der Saint Victoire, 1980)

„Am 23.März 1987 war unter dem immergrünen Efeu an einer Hausmauer auf dem Felsenberg ein Blatt, das wie verwelkt wirkte. Als der Schatten eines Menschen  darauffiel, hob sich das Blatt in die Lüfte und öffnete Flügel, die an der Innenseite noch um ein vielfaches gelber waren  und geradezu einen Schein von sich gaben.“ (Für Thukydides, 1990)

„Während einer der Christmetten saß das Kind inmitten der Angehörigern in der dichtbevölkerten, blendhellen, von den bekannten Weihnachtsliedern schallenden Heimatkirche, umgeben von Tuch- und Wachsgeruch, und wurde befallen von der Müdigkeit mit der Wucht des Leidens.“ (Versuch über die Müdigkeit, 1989)

“Ich wußte deine Hautfarbe nicht mehr/Ich wußte deine Schuhgröße nicht mehr/Ich wußte deine Halsweite nicht mehr/Ich wußte deine Blutgruppe nicht mehr/Ich wußte deine liebsten Bäume nicht mehr /Ich wußte deine liebsten Tiere nicht mehr/Ich wußte deineVorlieben nicht mehr/Ich wußte deine Zeichen nicht mehr/Ich wußte deinen Namen nicht mehr/Ich wußte deine Tag- und Nachtträume nicht mehr/Ich wußte deine Richtung nicht mehr/Ich wußte deinen Todestag nicht mehr/Ich hatte das Bild von dir nicht mehr/Doch ich wußte und wußte und wußte um dich” (Der Bildverlust,2002)

„Ein Rabe flog vorbei und schrie, im weitaufgerissenen Schnabel das Blau des Himmels. (Tokyo,Mittag)“  (Gestern unterwegs,2005)

“Vorstellung von Paralleität auch tagsüber in den Momenten des Abbiegens von den Landstraßen querfeld- und waldein: Parallelität womit? Mit dem Aufstehen und Abseitsgehen zu den Stillen Orten, lebenslang und dann in solchem Gehen das Innehalten und Dastehen im Mittelpunkt des Erdkreises. Nichts als die weißen Kügelchen der Schneebeeren. Darunter die klitzekleinen Elipsen des Hasenkots. Spärlich ein Bühen: das der silbrigen Waldrebenbäusche, an den Waldrändern eine spiralig verschlungene, wie arabische Schrift imaginierend. Aus den schlammigen Schollen ab und zu ein kleinblättriges Gelb ragend: die ersten, oder letzten, übriggebliebenen Rapsblüten, von denen im Sommer ganz Europa  durchwürfelt sein wird. Als Blumen fast einzig die Gänseblümchen an den Wegrainen, französisch paquerettes, was vielleicht von Paques, Ostern, kommt? (Oder auch nicht.)” (Versuch über den Stillen Ort,2012)

 

 

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Kritik unerwünscht?

Da findet ein Literaturfestival statt, von dem gesagt wird, es sei kulturell bedeutend, und was tut die Kulturredaktion des TV – sie schweigt. Das Festival feiert sich selbst und der TV steht als Medienpartner akklamierend daneben. Eine kritische Sicht auf die Dinge scheint von vorneherein wohl unerwünscht, das Festival bedankt sich artig bei der „literaturfreundlichen und literaturverständigen Chefredaktion“.( http://www.eifel-literatur-festival.de/Treue+Fans+und+begeisterte+Autoren-news-293.html) Der TV hat in der Region das Monopol, 16vor beschränkt sich leider nur auf Trier, insofern ist dieses Unterlassen einer kritischen Berichterstattung skandalös. Kritische Berichterstattung heißt ja nicht, dass man notwendigerweise zu negativen Ergebnissen kommen muss. Aber Fragen stellen sollte man schon! Ist das nicht die ureigenste Aufgabe des Journalisten?

Was man hätte fragen können: Worin liegt die Bedeutung dieses Festivals? Hat es überhaupt eine Bedeutung? Bildet es nicht nur den Markt ab? Lädt man die Autoren wegen der Qualität ihrer Bücher ein oder dominieren andere Gründe. Wie glaubwürdig ist bspw. Heiner Geißler mit seiner Kapitalismuskritik, eben jener Heiner Geißler, der als Reagan, Thatcher, Kohl den Neoliberalismus einläuteten, im Zentrum der Macht saß. Wie steht es um die Qualität seines Buches? Warum hat man Sarrazin eingeladen?

War es nicht doch ein Festival der Trivialliteratur (Gier, Heldt, Adler-Olson, Leon, Klüpfel& Kobr, Hacke& di Lorenzo), ein Festival wenig bedeutender Medienfiguren, deren Bücher  am Ende des Jahres schon wieder vergessen sind ( Slomka, Buhrow & Stamer, Moor,) ein Festival pseudopolitischen, pseudotheologischen und pseudophilosophischen Schmonzes (Geißler, Grün, Matussek, Precht) der zynischen Provakation (Sarrazin)? Was sagt es über ein Literaturfestival(!) aus, dass  Literaten von Rang (Walser, Müller, Schädlich, Jirgl, Schlink, Maron) nur ein Viertel des gesamten Programms ausmachen und  nur ein  Fünftel der Gesamtzuschauerzahl erzielen? Was bedeutet es für ein Literaturfestival (noch mal: Literaturfestival!) wenn 200 Zuhörer zum Büchner-Preisträger Jirgl gehen, aber 860 zu Grün, 700 zu Sarrazin?

Was bedeutet es für die Glaubwürdigkeit der Kulturredaktion, der Zeitung überhaupt, wenn kritische Berichterstattung bei einer Veranstaltung von solch behaupteter Bedeutung unterbleibt?

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Lesefrüchte

Von Zeit zu Zeit les ich den Alten gern. (Wenn auch nicht immer zustimmend.) Deshalb der Entschluss, dass Wochenende Sloterdijks „Zeilen  und Tage. Notizen 2008-20112, (Suhrkamp, Berlin 2012) zu widmen, statt etwas über den in der hiesigen Region völlig überschätzten Nikolaus von Kues  und die Diskussion um den Nutzen der Kueser Akademie für europäische Geistesgeschichte zu schreiben. Einer Akademie, die ja nichts anderes ist als ein innerakademisches Sprachspiel, deren Produkte absolut ephemer sind und deren einziger Zweck darin besteht, einige Leute mit Arbeit und Geld zu versorgen, und von der lokale Politiker skurrilerweise nun auch noch erwarten, dass sie Nutzen für Otto Normalverbraucher abwirft. Otto Normalverbraucher, aber, wenn er etwas Geistiges, Philosophisches zu brauchen glaubt, interessiert sich nicht für Cusanus, sondern pilgert lieber zu Richard David Precht. Dessen Vortrag  beim Eifel-Literaturfestival, in dem wieder mal alles – Ethik, Moral, Alltagsmoral, Extremsituation, Reflexion und Empirie, Sein und Sollen, Biologie, Soziologie, Psychologie, Philosophie – miteinander verwurstet wurde, frei von jedem Verständnis für die philosophische Problematik, wäre auch ein dankbares Thema gewesen. Aber wie gesagt, stattdessen Sloterdijk gelesen  - und belohnt worden. Mit Einsichten in seine beeindruckende Bildung, seine philosophische Vorliebe für Deleuze, seine entlegene Gebiete verbindende Denkweise, seine Wut auf die Linke und die 68er  (enttäuschte Liebe?), seine Wortschöpfungsmanie, seine nicht unbeträchtliche Eitelkeit und – sozusagen als erfreuliches  Nebenprodukt – mit Formulierungen und Zitaten, die mir bestens zu den oben genannten Themen zu passen scheinen.

Zur Akademie: „Was man Geistesgeschichte nennt, beruht auf der Illusion der Rückwärtskompatibilität von Ideen (S. 349).

Zu Precht: „Groucho Marx: -„Der Müllmann ist da“ – „Sag ihm, wir brauchen nichts“ (S. 334).

Gelegentlich wird’s auch mal deftig, etwa wenn er,  genervt von der Musikbeschallung im öffentlichen Raum, bei sich eine „akute Allergie gegen die Berieselung mit Popmusikpisse“ (S. 195) feststellt, oder die akademische Welt charakterisiert: “Diskursklassengesellschaft. Nach oben wird zitiert, nach unten abgeschrieben.” (S. 348)

Bissig, nachdenklich, analytisch, diagnostisch, melancholisch, ironisch, sarkastisch, tiefsinnig, eitel,- dieses Buch ist alles, nur eins nicht: langweilig.

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Norbert Scheuer in Wittlich

Auch so kann eine Lesung sein: Statt eines großen Saales ein eher kleiner Raum, mit etwa siebzig Zuhörern voll besetzt. Statt einer Eröffnungsrede eine  wohltuend knappe Begrüßung von Michael Scheid, der in die Buchhandlung Rieping eingeladen hatte und ein paar Worte von Norbert Scheuer zum Ablauf des Abends. Und schon ist man  beim Eigentlichen, der Literatur. Norbert Scheuer liest aus seinem neuen Roman Peehs Liebe. Das, was man zu hören bekommt, macht einen sehr guten Eindruck, ist glänzend geschrieben und wird so gelesen, dass keine Langeweile aufkommt.  Versuch einer Einordnung mit der Einschränkung, dass ich diesen, neuen Roman noch nicht gelesen habe und sich mein Eindruck, was diesen betrifft, nur auf das von Norbert Scheuer Vorgelesene gründet: Ich glaube eine zunehmende Ästhetisierung  auszumachen. Von “Der Steinesammler” über “Flussabwärts”,  ”Kall,Eifel”, “Überm Rauschen” bis hin zu dem vorgelesenen Kapitel aus “Peehs Liebe” : die Sprache wird artifizieller, die Form avancierter und die Intensität nimmt leider etwas ab. Dabei bleibt Scheuer inhaltlich und handwerklich auf einem Niveau, dass weit über dem liegt, was andere “Eifel”- Autoren zustande bringen, was auch darin seinen Grund haben mag,  dass er keine “Eifel-Literatur” schreibt, sondern  dass bei ihm letztlich Existenzielles verhandelt wird, nicht Regionales. Für die Marke”Eifel” sind diese Romane also nur bedingt geeignet. Die Verortung und die Zeichnung seiner Charaktere macht die Eifel nicht unbedingt zu einem liebreizenden Landstrich, alles ist eher trostlos, unerfüllt. Dieses Unerfüllte, dieses Gescheitertsein, was vielen seiner Protagonisten zu eigen ist, ließ einen Zuhörer nach dem Vortrag einiger doch ein wenig deprimiert klingender Gedichte -(diese sind m.E. leider nicht annähernd so gut wie die Romane, weil mit Bildern und Metaphern überfrachet und wie schon einmal gehört klingend) fragen, ob sich darin nicht eine pessimistische Weltsicht des Autors ausdrücke. Norbert Scheuer verneinte dies ausdrücklich und verwies darauf, dass Literatur es immer mit dem Defizitären zu tun habe. Das ist natürlich richtig, aber es gibt verschiedene Weisen, dies zu tun.  Ironie, Humor …. Davon findet sich in den ersten vier Romanen  kaum etwas und von daher denke ich, im Gegensatz etwa zum Kritiker Martin Lüdtke, der in der Art von Scheuers Erzählen Hoffnung aufscheinen sieht, dass die Frage dieses Zuhörers doch einen wesentlichen Punkt getroffen hat.

Würde man mich nach meinem persönlichen Favoriten unter Scheuers Romanen fragen, so würde ich  ”Der Steinesammler ” nennen. Er ist Scheuers erster Roman, zwar schlecht lektoriert und daher mit einigen sprachlichen Ungeschicklichkeiten behaftet, aber er besitzt eine Kraft und Intensität, wie sie die nachfolgenden Werke nicht mehr ganz erreichen.

Fazit: Eine Veranstaltung,  in der es um gute aktuelle Literatur und nicht um irgendwelches Gedöns ging, die sich zudem jeder leisten konnte (7€).  Intim, unspektakulär, konzentriert und gehaltvoll. So sieht gute Kulturarbeit aus.

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