“Krise – wo ist denn hier die Krise?” Hier, Herr Lintz!

Lieber Herr Lintz,

folgen Sie mir doch einfach ins Programmheft 2013 des Mosel-Musikfestivals:

Vorwort ( S. 6) eine Stelle aus Ausonius `Mosella´, der Intendant interpretiert: “*Alles hast du allein, was der Quell und der Bach und der Fluss hat… und der Fels und die sonnige Höh`, das Thal und der Abhang, dicht von Reben bepflanzt, ein herrlich Schauspiel uns zeigen*. Bildgewaltige Visionen über einen Fluss im  Herzen Europas, Eurovisionen könnte man sagen.”

“Sie (Simone Kermes) verwandelt die hohe Kunst des Koloraturgesangs in ein Rock´Roll- Feuerwerk.” (S. 47)

“Inmitten der römischen Bäderlandschaft des Thermenmuseums bietet sich den Fans auf der Couch, dem Boden oder im Sessel lümmelnd der ultimativ relaxte Konzertgenuß.”( S. 51)

“Dabei stellen die Akteure die internationale Klassikwelt buchstäblich ´auf den Kopf` und sprengen mit ihrer Übersetzung von Bachs ´Wohltemperierten Klavier` die Grenzen zwischen Klassik und Moderne. “( S. 65)

“Zum Vergnügen”(S.15) lautet die Überschrift der Konzertauflistung (S. 16/17).  Das erste Konzert auf dieser Liste: Benjamin  Brittens „War Requiem“.

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“Mit dem Licht der Zwischenräume arbeiten”"

Peter Handke zum siebzigsten Geburtstag

“Im Zeichen der Erzählung habe ich angefangen! Weitertun. Sein lassen. Geltenlassen. Darstellen. Überliefern. Weiter den flüchtigsten der Stoffe bearbeiten, deinen Atem; dessen Handwerker sein. “(Nachmittag eines Schriftstellers, 1987)

„Schließ die Augen, und aus dem Schwarz der Lettern bilden sich die Stadtlichter.“  (Der Chinese des Schmerzes,1983)

„Ein Grollen kam dazu, eher ein fernes Rauschen im Luftraum, und fast zugleich empfand ich hautnah ein Gebrüll: den bösesten aller  Laute, Todes- und Kriegsgeschrei zugleich, ohne Ansatz das Herz anspringend, das sich in der Phantasie kurz als Katze buckelt. Ende der Farben und Formen in der Landschaft: Nur noch ein Gebissweiß, und dahinter bläuliches Fleischpurpur.“  (Die Lehre der Saint Victoire, 1980)

„Am 23.März 1987 war unter dem immergrünen Efeu an einer Hausmauer auf dem Felsenberg ein Blatt, das wie verwelkt wirkte. Als der Schatten eines Menschen  darauffiel, hob sich das Blatt in die Lüfte und öffnete Flügel, die an der Innenseite noch um ein vielfaches gelber waren  und geradezu einen Schein von sich gaben.“ (Für Thukydides, 1990)

„Während einer der Christmetten saß das Kind inmitten der Angehörigern in der dichtbevölkerten, blendhellen, von den bekannten Weihnachtsliedern schallenden Heimatkirche, umgeben von Tuch- und Wachsgeruch, und wurde befallen von der Müdigkeit mit der Wucht des Leidens.“ (Versuch über die Müdigkeit, 1989)

“Ich wußte deine Hautfarbe nicht mehr/Ich wußte deine Schuhgröße nicht mehr/Ich wußte deine Halsweite nicht mehr/Ich wußte deine Blutgruppe nicht mehr/Ich wußte deine liebsten Bäume nicht mehr /Ich wußte deine liebsten Tiere nicht mehr/Ich wußte deineVorlieben nicht mehr/Ich wußte deine Zeichen nicht mehr/Ich wußte deinen Namen nicht mehr/Ich wußte deine Tag- und Nachtträume nicht mehr/Ich wußte deine Richtung nicht mehr/Ich wußte deinen Todestag nicht mehr/Ich hatte das Bild von dir nicht mehr/Doch ich wußte und wußte und wußte um dich” (Der Bildverlust,2002)

„Ein Rabe flog vorbei und schrie, im weitaufgerissenen Schnabel das Blau des Himmels. (Tokyo,Mittag)“  (Gestern unterwegs,2005)

“Vorstellung von Paralleität auch tagsüber in den Momenten des Abbiegens von den Landstraßen querfeld- und waldein: Parallelität womit? Mit dem Aufstehen und Abseitsgehen zu den Stillen Orten, lebenslang und dann in solchem Gehen das Innehalten und Dastehen im Mittelpunkt des Erdkreises. Nichts als die weißen Kügelchen der Schneebeeren. Darunter die klitzekleinen Elipsen des Hasenkots. Spärlich ein Bühen: das der silbrigen Waldrebenbäusche, an den Waldrändern eine spiralig verschlungene, wie arabische Schrift imaginierend. Aus den schlammigen Schollen ab und zu ein kleinblättriges Gelb ragend: die ersten, oder letzten, übriggebliebenen Rapsblüten, von denen im Sommer ganz Europa  durchwürfelt sein wird. Als Blumen fast einzig die Gänseblümchen an den Wegrainen, französisch paquerettes, was vielleicht von Paques, Ostern, kommt? (Oder auch nicht.)” (Versuch über den Stillen Ort,2012)

 

 

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Kritik unerwünscht?

Da findet ein Literaturfestival statt, von dem gesagt wird, es sei kulturell bedeutend, und was tut die Kulturredaktion des TV – sie schweigt. Das Festival feiert sich selbst und der TV steht als Medienpartner akklamierend daneben. Eine kritische Sicht auf die Dinge scheint von vorneherein wohl unerwünscht, das Festival bedankt sich artig bei der „literaturfreundlichen und literaturverständigen Chefredaktion“.( http://www.eifel-literatur-festival.de/Treue+Fans+und+begeisterte+Autoren-news-293.html) Der TV hat in der Region das Monopol, 16vor beschränkt sich leider nur auf Trier, insofern ist dieses Unterlassen einer kritischen Berichterstattung skandalös. Kritische Berichterstattung heißt ja nicht, dass man notwendigerweise zu negativen Ergebnissen kommen muss. Aber Fragen stellen sollte man schon! Ist das nicht die ureigenste Aufgabe des Journalisten?

Was man hätte fragen können: Worin liegt die Bedeutung dieses Festivals? Hat es überhaupt eine Bedeutung? Bildet es nicht nur den Markt ab? Lädt man die Autoren wegen der Qualität ihrer Bücher ein oder dominieren andere Gründe. Wie glaubwürdig ist bspw. Heiner Geißler mit seiner Kapitalismuskritik, eben jener Heiner Geißler, der als Reagan, Thatcher, Kohl den Neoliberalismus einläuteten, im Zentrum der Macht saß. Wie steht es um die Qualität seines Buches? Warum hat man Sarrazin eingeladen?

War es nicht doch ein Festival der Trivialliteratur (Gier, Heldt, Adler-Olson, Leon, Klüpfel& Kobr, Hacke& di Lorenzo), ein Festival wenig bedeutender Medienfiguren, deren Bücher  am Ende des Jahres schon wieder vergessen sind ( Slomka, Buhrow & Stamer, Moor,) ein Festival pseudopolitischen, pseudotheologischen und pseudophilosophischen Schmonzes (Geißler, Grün, Matussek, Precht) der zynischen Provakation (Sarrazin)? Was sagt es über ein Literaturfestival(!) aus, dass  Literaten von Rang (Walser, Müller, Schädlich, Jirgl, Schlink, Maron) nur ein Viertel des gesamten Programms ausmachen und  nur ein  Fünftel der Gesamtzuschauerzahl erzielen? Was bedeutet es für ein Literaturfestival (noch mal: Literaturfestival!) wenn 200 Zuhörer zum Büchner-Preisträger Jirgl gehen, aber 860 zu Grün, 700 zu Sarrazin?

Was bedeutet es für die Glaubwürdigkeit der Kulturredaktion, der Zeitung überhaupt, wenn kritische Berichterstattung bei einer Veranstaltung von solch behaupteter Bedeutung unterbleibt?

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Lesefrüchte

Von Zeit zu Zeit les ich den Alten gern. (Wenn auch nicht immer zustimmend.) Deshalb der Entschluss, dass Wochenende Sloterdijks „Zeilen  und Tage. Notizen 2008-20112, (Suhrkamp, Berlin 2012) zu widmen, statt etwas über den in der hiesigen Region völlig überschätzten Nikolaus von Kues  und die Diskussion um den Nutzen der Kueser Akademie für europäische Geistesgeschichte zu schreiben. Einer Akademie, die ja nichts anderes ist als ein innerakademisches Sprachspiel, deren Produkte absolut ephemer sind und deren einziger Zweck darin besteht, einige Leute mit Arbeit und Geld zu versorgen, und von der lokale Politiker skurrilerweise nun auch noch erwarten, dass sie Nutzen für Otto Normalverbraucher abwirft. Otto Normalverbraucher, aber, wenn er etwas Geistiges, Philosophisches zu brauchen glaubt, interessiert sich nicht für Cusanus, sondern pilgert lieber zu Richard David Precht. Dessen Vortrag  beim Eifel-Literaturfestival, in dem wieder mal alles – Ethik, Moral, Alltagsmoral, Extremsituation, Reflexion und Empirie, Sein und Sollen, Biologie, Soziologie, Psychologie, Philosophie – miteinander verwurstet wurde, frei von jedem Verständnis für die philosophische Problematik, wäre auch ein dankbares Thema gewesen. Aber wie gesagt, stattdessen Sloterdijk gelesen  - und belohnt worden. Mit Einsichten in seine beeindruckende Bildung, seine philosophische Vorliebe für Deleuze, seine entlegene Gebiete verbindende Denkweise, seine Wut auf die Linke und die 68er  (enttäuschte Liebe?), seine Wortschöpfungsmanie, seine nicht unbeträchtliche Eitelkeit und – sozusagen als erfreuliches  Nebenprodukt – mit Formulierungen und Zitaten, die mir bestens zu den oben genannten Themen zu passen scheinen.

Zur Akademie: „Was man Geistesgeschichte nennt, beruht auf der Illusion der Rückwärtskompatibilität von Ideen (S. 349).

Zu Precht: „Groucho Marx: -„Der Müllmann ist da“ – „Sag ihm, wir brauchen nichts“ (S. 334).

Gelegentlich wird’s auch mal deftig, etwa wenn er,  genervt von der Musikbeschallung im öffentlichen Raum, bei sich eine „akute Allergie gegen die Berieselung mit Popmusikpisse“ (S. 195) feststellt, oder die akademische Welt charakterisiert: “Diskursklassengesellschaft. Nach oben wird zitiert, nach unten abgeschrieben.” (S. 348)

Bissig, nachdenklich, analytisch, diagnostisch, melancholisch, ironisch, sarkastisch, tiefsinnig, eitel,- dieses Buch ist alles, nur eins nicht: langweilig.

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Norbert Scheuer in Wittlich

Auch so kann eine Lesung sein: Statt eines großen Saales ein eher kleiner Raum, mit etwa siebzig Zuhörern voll besetzt. Statt einer Eröffnungsrede eine  wohltuend knappe Begrüßung von Michael Scheid, der in die Buchhandlung Rieping eingeladen hatte und ein paar Worte von Norbert Scheuer zum Ablauf des Abends. Und schon ist man  beim Eigentlichen, der Literatur. Norbert Scheuer liest aus seinem neuen Roman Peehs Liebe. Das, was man zu hören bekommt, macht einen sehr guten Eindruck, ist glänzend geschrieben und wird so gelesen, dass keine Langeweile aufkommt.  Versuch einer Einordnung mit der Einschränkung, dass ich diesen, neuen Roman noch nicht gelesen habe und sich mein Eindruck, was diesen betrifft, nur auf das von Norbert Scheuer Vorgelesene gründet: Ich glaube eine zunehmende Ästhetisierung  auszumachen. Von “Der Steinesammler” über “Flussabwärts”,  ”Kall,Eifel”, “Überm Rauschen” bis hin zu dem vorgelesenen Kapitel aus “Peehs Liebe” : die Sprache wird artifizieller, die Form avancierter und die Intensität nimmt leider etwas ab. Dabei bleibt Scheuer inhaltlich und handwerklich auf einem Niveau, dass weit über dem liegt, was andere “Eifel”- Autoren zustande bringen, was auch darin seinen Grund haben mag,  dass er keine “Eifel-Literatur” schreibt, sondern  dass bei ihm letztlich Existenzielles verhandelt wird, nicht Regionales. Für die Marke”Eifel” sind diese Romane also nur bedingt geeignet. Die Verortung und die Zeichnung seiner Charaktere macht die Eifel nicht unbedingt zu einem liebreizenden Landstrich, alles ist eher trostlos, unerfüllt. Dieses Unerfüllte, dieses Gescheitertsein, was vielen seiner Protagonisten zu eigen ist, ließ einen Zuhörer nach dem Vortrag einiger doch ein wenig deprimiert klingender Gedichte -(diese sind m.E. leider nicht annähernd so gut wie die Romane, weil mit Bildern und Metaphern überfrachet und wie schon einmal gehört klingend) fragen, ob sich darin nicht eine pessimistische Weltsicht des Autors ausdrücke. Norbert Scheuer verneinte dies ausdrücklich und verwies darauf, dass Literatur es immer mit dem Defizitären zu tun habe. Das ist natürlich richtig, aber es gibt verschiedene Weisen, dies zu tun.  Ironie, Humor …. Davon findet sich in den ersten vier Romanen  kaum etwas und von daher denke ich, im Gegensatz etwa zum Kritiker Martin Lüdtke, der in der Art von Scheuers Erzählen Hoffnung aufscheinen sieht, dass die Frage dieses Zuhörers doch einen wesentlichen Punkt getroffen hat.

Würde man mich nach meinem persönlichen Favoriten unter Scheuers Romanen fragen, so würde ich  ”Der Steinesammler ” nennen. Er ist Scheuers erster Roman, zwar schlecht lektoriert und daher mit einigen sprachlichen Ungeschicklichkeiten behaftet, aber er besitzt eine Kraft und Intensität, wie sie die nachfolgenden Werke nicht mehr ganz erreichen.

Fazit: Eine Veranstaltung,  in der es um gute aktuelle Literatur und nicht um irgendwelches Gedöns ging, die sich zudem jeder leisten konnte (7€).  Intim, unspektakulär, konzentriert und gehaltvoll. So sieht gute Kulturarbeit aus.

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Buena Vista Social Club ade

Ein kubanischer Abend im Wittlicher Stadtpark hatte es werden sollen und das war es wohl auch, wenn auch anders als erwartet: eine kubanische Band, “Septeto Santiaguero”  mit kubanischem, “modernem” Son. Erwartet hatte ich Musik voller Lebendigkeit und Sinnlichkeit, tanzbar und doch durchzogen von Wehmut und Melancholie und auch ein wenig Spott und Ironie.  Tanzbar war es wohl, ansonsten nur solides instrumentales Handwerk und interpretatorische Schmalspur. Wenig Abwechslung, kaum dynamische Differenzierung, synthetisch klingende Gitarren, ein sterilerBass, eine permanent plärrende Trompete. Farben Mangelware, alles brachial ins Mikrophon gespielt bzw. gesungen. Dazu eine unelegante Kaufaufforderung, eine abrupte Pause und drittklassige Animation aus dem Ferienclub. Mallorca lässt grüßen. Rummtata statt Differenz. Wenn das die annoncierte Berufung auf die Tradition des Son und deren Weiterentwicklung ist, dann ist klar: Die Zeiten von Portuondo, Ferrer, Segundo, Ochoa und Gonzales, von Lopez und Vazquez sind vorbei. Endgültig.

Nachtrag: Verwundert lese ich im TV 31 Juli, S.7 “Wittlich tanzt sich warm. Am Ende hielt es kaum noch einen der knapp 800 Besucher …  auf den Stühlen.”Da muss ich  wohl auf einer anderen Veranstaltung gewesen sein. Denn: Als ich um 22.00 das Konzert verließ, waren etliche Stühle nicht mehr besetzt und etliche Zuschauer standen herum und unterhielten sich – ohne größeres Interesse für die Musik, etliche waren auch dabei zu gehen. Noch nicht mal die Hälfte war am Tanzen.

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In der Vergangenheit gefangen

Das Programm des Musikkreises Wittlich  für die Saison 2012-2013 liegt vor. Die Tendenz der letzten Saison setzt sich fort.  Musiker von Format interpretieren den bildungsbürgerlichen Kanon:  Scarlatti, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Brahms, Schumann, Liszt, Grieg,  Ravel.  Als  Ausweis von Zeitgenossenschaft muss  der unvermeidliche Piazolla mit seinen “Vier Jahreszeiten” (1964-69 entstanden) herhalten, Musik nach 1917 (wenn es sich im Lunkenheimer – Konzert um originäre Klaviermusik Ravels handelt)  ansonsten Fehlanzeige. Wie soll man ein solches Programm anders nennen als antiquarisch, museal, vergangenheitsorientiert?

Das Duo Lunkenheimer hat Lutoslawski, Ligeti, Kagel im Repertoire. In Wittlich nichts davon. Das Kölner Streichsextett spielt auch Korngold, Schönberg, Schulhoff, Hopstein, Cerha (Siemens-Musikpreisträger 2012!) – aber nicht in Wittlich. Das Klaviertrio Würzburg könnte auch Bernstein, Copland oder Schostakowitsch zu Gehör bringen, – aber nicht in Wittlich.  Stattdessen der permanente Blick zurück. Das ist schon sehr enttäuschend.

Eine wirkliche Zumutung aber sind die Titel  zweier Konzerte: „Brahms tanzt Tango“  und “Pastorale am Abend”. “Brahms tanzt Tango” ist, mit Verlaub, dummdeutsch.  Was soll diese Überschrift aussagen? Vielleicht nutzt jemand die Kommentarfunktion und erklärt es mir? Ähnlich: „Pastorale am Abend“. In diesem Konzert gibt es Beethovens Sinfonie Nr. 6,  allerdings in reduzierter Form für Streichsextett.  Ob sie morgens, mittags, abends oder nachts gespielt wird, ist musikalisch betrachtet – und darum geht es doch – ,  völlig irrelevant.  Wichtiger jedoch: Das Hauptwerk des Abends ist eben nicht, wie per Titel suggeriert, diese skelettierte  Pastorale (Strukturen werden stärker hervortreten auf Kosten von Farben und Atmosphäre.), sondern Schuberts Streichquintett C-Dur – d a s Stück seiner Gattung, eines der bedeutendsten Kammermusikwerke überhaupt und zudem alles andere als pastoral. Und was macht man damit?  Man stellt es durch die Konzertbetitelung  in die zweite Reihe und verstärkt die Abwertung noch, indem man es in der ersten Konzerthälfte platziert.  „Die Neurotiker schlagen zurück“, sagte ein ehemaliger Musikkritiker des TV einmal  über die existentielle Wucht dieses abgründigen Quintetts. Nach einem solchen Werk spielt man nichts mehr.

Überschriften und Programmgestaltung sind immer auch Ausdruck des jeweiligen Kulturverständnisses. „Brahms tanzt Tango“, „Pastorale am Abend“, kaum ein Werk aus dem zwanzigsten Jahrhundert, keine Werke lebender Komponisten – ist das die Musikkultur, die man in Wittlich will?

 

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Kneifen ist der wahre Mut

Wie sagte doch der mutige Herr Sarrazin: “Für mich gilt: Wenn man eine Meinung hat, muss man auch zu ihr stehen. Wer meint, die besseren Argumente zu haben, braucht vor Diskussionen keine Angst zu haben.” (TV,12/13 Mai,S.25). Genau! Und weil er so mutig ist, keine Angst und die besseren Argumente hat, gibt es keine Diskussion und müssen Fragen schriftlich und im Voraus gestellt werden.  Kneifen ist der wahre Mut, nicht diskutieren die wahre Diskussion, pauschalisieren in Wirklichkeit differenziertes Denken und keine Ahnung haben die wahre Kompetenz. Und wenn man das einmal verstanden hat, versteht man auch die  Aussage von Frau Eveline Nitzsche aus Wittlich (TV a.a.O): “Mir hat die Lesung  sehr gut gefallen, besonders seine Offenheit und sein Mut, Dinge anzusprechen, die man bei uns nicht ansprechen darf.”

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Brezel-Kultur

 

Brezeln soll es wieder geben im Kolpinghaus, so ein Wunsch beim 2. Kulturforum in Wittlich

“Denn Kunst ist keine Kunst, wenn sie am Geschmack der Menschen vorbei(geht), und niemand hingeht.”  (Ursula Quickert, Meinung, TV2 April,S.9)  Handelt es sich hier um eine missglückte, weil extrem verkürzende, Interpretation einiger Seiten  (192-196) des mit ”Wege aus der Qualitätskrise” betitelten dritten Kapitels aus Rauterbergs “Und das ist Kunst?!”? Rauterberg argumentiert dort mit Rückgriff  auf Begriffe Kants (Sinnengeschmack, Reflexionsgeschmack, subjektive Allgemeingültigkeit) gegen Klaus Theweleits Einschätzung des Geschmacks - “abgehalfterter Gaul aller Begriffslosen”,  ”das diskreditierteste aller Orientierungsmittel” (zitiert nach Rauterberg, 194)- und  plädiert für eine Geschmacksdebatte, mit dem Ziel, den Betrachter zur Zentralfigur des Kunstdiskurses zu machen, mit entsprechend hohen Anforderungen an das Reflexionsvermögen des Betrachters. (Analog könnte man sagen: den Hörer zur Zentralfigur des Musikdiskurses, den Leser zur Zentralfigur des Literaturdiskurses). Dann könnte es der Einstieg in eine notwendige Diskussion sein. Der Blick auf den Rest von Frau Quickerts Beitrag legt eher nahe, dass sie ”Geschmack” einfach nur in der üblichen Weise verwendet: “Sie sagen Geschmack und meinen damit, ein jeder Mensch habe seine eigenen, unverwechselbaren Vorstellungen von dem,  was schön, gut und angemessen sei.”(Rauterberg S.193) Man könnte ihr Statement dann so interpretieren: Kunst ist Kunst, wenn sie den Geschmack der (Wittlicher) Menschen trifft, und Wittlicher auch hingehn.   

Auf volksfreund.de  regt Ramon Urban in einem Kommentar zu Ursula Quickerts Artikel an,   Rock/Pop – Musik stärker zu berücksichtigen und den Sparten Klassik und Jazz gleichzustellen. Er moniert, dass Rock/Pop Musik in den Bereich Kinder- und Jugendarbeit eingeordnet wurde, – dort gehört sie meiner Meinung nach auch hin, aber man wird es wohl begründen müssen –   und fordert mit dem Verweis auf den Geschmack der Mehrheit gleiches Recht für alle. Da wären wir wieder beim Geschmacksargument.

Natürlich macht eine Kulturarbeit am Bürger vorbei keinen Sinn und insofern ist das Kulturforum eine sehr sinnvolle Einrichtung. Aber es zeichnet sich ab, dass es den Wittlicher Bürgern eher um Verteilungsfragen als um wirkliche Inhalte geht. Auseinandersetzung mit ästhetischen und gesellschaftlichen Fragen, Reibung, Zeitgenossenschaft, Werte als Themen kultureller Arbeit? Bisher Fehlanzeige. Stattdessen: Jedem seine Brezel. Ganz nach seinem Geschmack. Da ist der Bürger zufrieden. Das wird schön werden. Schön langweilig, vor allem!

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