Nicht zuständig für kulturelle Bildungsarbeit

Anmerkungen zum TV-Interview mit dem Intendanten des Mosel-Musikfestivals Hermann Lewen

„Sommerfestivals sind nicht dazu da, kulturelle  Bildungsarbeit zu betreiben.“

Doch, sind sie! Nicht nur, aber auch! Und wie man es macht, kann man eine gute Autostunde von hier alljährlich im Juni bei  Lars Vogts „Spannungen“  in Heimbach erleben. Interessante Programme, die Tradition mit wenig Bekanntem und Neuem verbinden, Interpreten von Weltruf: ausverkaufte Konzerte. Von Lockenhaus in Österreich, das quasi schon Kultstatus hat, gar nicht zu reden.

„Und man will vor allem an ein anderes Publikum herankommen,…das nach Götz Alsmann und den Biermösl-Buam schließlich doch  bei ernsthafter Klassik landet.“

Ein beliebter, zur Fortschreibung des Bisherigen dienender Mythos.  (Analog wird im Umkreis des Eifel-Literaturfestivals argumentiert.) Nach 30 Jahren Festival müsste dann der Anteil derjenigen, die sich in der Region anspruchsvolleren, auch unbequemeren Programmen aussetzen, deutlich gestiegen sein. Ist er aber nicht, wie man beim Besuch von solchen Veranstaltungen leicht feststellen kann. Die „ziemlich regellose Buntheit“ (sehr schöner Begriff, Herr Möller, aber hier eigentlich ein Euphemismus), die Eventisierung,  die ständige Weichspülung führen de facto zu einer Praxis kultureller Unbildung.

“Man will neue Konzertformate in nicht alltäglichen Foren anbieten, man will ein breites Programmspektrum präsentieren.” 

Kulturmanagement-Deutsch in Reinkultur. Heißt übersetzt soviel wie, der Inhalt ist zweitrangig, das Ambiente zählt.

„Auf dem freien Markt wurde diese Sparte entdeckt und unter einem Motto wie „Pizza, Pasta, Opera“ vermarktet. Man muss sich auch diesem Markt stellen.“

Tut man ja. Indem man mitmacht. ( Vgl. „Krise…“ http://kultphil.blog.volksfreund.de/ ).

“Ja- und ich finde sie (“diese rapide Überalterung des Publikums”, eine Formulierung von Martin Möller) nicht besorgniserregend.“

Fast alle, die mit  der sogenannten klassischen Musik zu tun haben, sehen die Überalterung als großes Problem, zu Recht. Wo sollen in zwanzig, dreißig Jahren die Besucher herkommen, wenn jetzt schon ganze Altersgruppen an klassischer Musik kein Interesse mehr haben.  Wer das Interesse an klassischer Musik langfristig  sichern will, wer in dieser Musik einen kulturellen, über die bloße Unterhaltungsfunktion hinausgehenden Wert sieht, der muss das betreiben, für das sich Herr Lewen mit seinem Festival als nicht zuständig erklärt: kulturelle Bildungsarbeit.

„Eins ärgert mich dann doch: Dass das Mosel-Musikfestival in den Rheinland-pfälzischen  Fernsehprogrammen längst nicht so präsent ist wie Festivals vergleichbarer Größe und Ausrichtung.“

Die überregionale  Presse, Funk und Fernsehen nehmen  das Festival nicht sonderlich zur Kenntnis. Warum sollten sie? Es gibt etwa  500 Festivals  in Deutschland und was an der Mosel geboten wird, ist der ewig gleiche Mainstream, die „ziemlich regellose Buntheit“, gut organisiert, gewiss, und an netten Orten. Doch davon ist schon genug da. Bitte nicht noch mehr.

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Bildungsferne

Precht war da. Und 875 kamen. Die Bildungsrevolution ist angesagt. Im Publikum natürlich lauter Bildungsexperten. Dass kaum jemand von ihnen weiß, was ein Konsekutivsatz  ist: kein Problem. Denn ein solches Wissen ist Ballast, der wahren Bildung eher hinderlich. Dass Konsekutivsätze  sprachliche Mittel  sind, Wissen zu ordnen, Gedanken in eine logische Folge zu bringen -überflüssig. Man fühlt sich in seinem Nicht-Wissen angenommen.

Precht, der Vordenker einer Bildungsrevolution.  Seinen Kronzeugen Humboldt hat er nicht verstanden, wie Jürgen Kaube, Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der FAZ, in einer Besprechung von Prechts Buch nachgewiesen hat.  Seine Aussagen  über  Schule und Bildung sind voller Denkfehler, bleiben häufig vage, zeugen von nicht vorhandener praktischer Erfahrung. Wozu Fakten, wozu Sorgfalt, wozu intellektuelle Redlichkeit? Wenn man mal ertappt wird, verweist man auf die Glut des Apostels.

Ein kleines Beispiel: “»Die Arbeit des Philosophen«, meinte Ludwig Wittgenstein einmal, »ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung.«” schreibt Precht (Anna, die Schule …S. 14) und bemüht hier eine Autorität, -den vielleicht bedeutendsten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts – zur eigenen Legitimation. Ausgerechnet Wittgenstein, der skrupulöse,der populärwissenschaftliche Vorträge verachtete (vgl Wittgenstein, “Ethik” in Ludwig Wittgenstein, Geheime Tagebücher 1914-1916, Wien 1991, S. 78.), muss herhalten.  Die Quelle – Philosophische Untersuchungen, PU §122,§ 127? – wird verschwiegen, ein vages “einmal” muss dem Leser reichen. Precht suggeriert, die Definition Wittgensteins sei aus sich heraus verständlich, und er mache genau das, was Wittgenstein intendiere. Dass dieser Begriff von Philosophie einer bestimmten Denkphase Wittgensteins zuzurechnen ist, dass er quasi den Gegenbegriff zum Begriff der logischen Exaktheit der Tractatus-Zeit darstellt, dass er hochkomplex und eben nicht aus sich heraus verständlich ist, dass er nicht kontextfrei verstanden werden kann, all dies verschweigt Precht.  Stattdessen: Name -Dropping verbunden mit gnadenloser Versimpelung um  Kompetenz und Bedeutsamkeit zu suggerieren. Auch Frau Emmerling ist darauf reingefallen, indem sie Prechts Verweis auf Wittgenstein prompt in einem Artikel aufgreift. “Aber Wittgenstein zitierend sieht Precht…”.(in TV 3.2.2014, Dressiert zu Anpassern).

Und das Publikum? Hat keine Ahnung und will auch keine haben. Bei ihm  zählt der revolutionäre Gestus. Das Vorurteil von der schlechten Schule soll sich bestätigen.  Wissen, Fakten und Logik spielen keine Rolle, Details stören nur.  Auch eine Form der Bildungsferne – und die conditio sine qua non der Popularität des Richard David Precht. Der Bildungsrevolutionär braucht für seinen Erfolg die mangelnde Bildung seiner Leser.

Ach ja, der Ev. Kirchenkreis Trier hat Precht zu einem Vortrag eingeladen und erhofft sich davon Impulse. Institutionalisierte Bildungsferne.

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Lesefrüchte II

Peter Trawny: Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Klostermann, Frankfurt am Main, 2014

Ein schmaler Band, knapp hundert Seiten, seine Sprache eher spröde als brilliant, sein Inhalt staubtrocken und doch hochbrisant, ein philosophisches und kulturelles Lehrstück.

Es geht um eine der zentralen Gestalten der Philosophie des 20. Jahrhunderts, um Martin Heidegger, von dem viele fasziniert waren, darunter auch viele Juden: Leo Strauss, Hannah Arendt,  Karl Löwith, Paul Celan, Emmanuel Levinas, Jacques Derrida, George Steiner. Genauer, es  geht um die Bedeutung antisemitischer Äußerungen – im wesentlichen sind es drei Abschnitte – , die sich in Heideggers nachgelassenen sogenannten Schwarzen Heften finden, die, so von ihm verfügt, als letzte  seines Nachlasses publiziert werden sollten.

Trawny, Betreuer dieser Nachlassedition und ein ausgewiesener Kenner der Philosophie Heideggers, geht bei der Bewertung dieser Stellen vorsichtig zu Werke, wägt ab, fragt, meidet pauschale Urteile, enthält sich jedweder Polemik. Gleichwohl scheint Fassungslosigkeit, Ernüchterung, Enttäuschung durch.

Sein Fazit ist eindeutig: Es handelt sich um einen „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“(11), der das Werk Heideggers „kontaminiert“. “Der Begriff  “der Kontamination” ist für das Folgende auf eine spezifische Weise wichtig. Der Antisemitismus, der bestimmte Passagen der “Schwarzen Hefte” befällt, kon-taminiert, berührt anderes mit. Die Folge ist, dass Gedanken, die bisher als neutrale theoretische Einsichten aufgefasst wurden, in einem anderen Licht erscheinen. Das geschieht, weil die Kontamination die Ränder von Gedanken angreift, sie auflöst, verwischt. Dadurch gerät die Topographie von Heideggers Denken ins Wanken. “(12)

Wie weit diese Kontamination reicht, darauf will sich Trawny nicht festlegen. Er sieht die Notwendigkeit einer kompletten Revision und hofft, dass etwas übrig bleibt. Aber: „Selbst wenn Heideggers Denken jene Revision überstehen wird, werden es die Sätze, um die es in den vorliegenden Überlegungen ging, wie aufbrechende Narben entstellen.“(103)

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Tempo, Tempo

Das Ramon Valle Trio spielt in Wittlich. Ein vielversprechender Beginn: Jazz mit Anklängen an barocke Rhetorik, (Präludium, Toccata, Fantasie)- eine hervorragend gemachte Verbindung über Jahrhunderte hinweg, die Erwartungen weckt. Doch diese werden nicht erfüllt, der Abend nimmt einen völlig anderen Verlauf. Die Mehrdimensionalität, die sich in diesem kurzen Prolog anzudeuten schien bleibt aus,  stattdessen jagt Valle verliebt in die eigene Virtuosität  in den diversen Stücken der beiden Sets durch die Skalen, hier eine Umspielung, da eine, dort auch noch eine, noch schneller und noch vertrackter. Bassist und Drummer arbeiten ihm dabei zu. Ein wirkliches Trio ist es nicht, eher eine Eins – plus – Zwei – Formation. Daran ändern auch die virtuosen Soli des Bassisten und das souveräne Spiel des Drummers nichts. Dynamische Gestaltung und Farben stehen im Hintergrund, die Modulationen sind eher konventionell, nicht wirklich überraschend. Langsame Passagen oder Piano-Stellen haben, wenn sie mal auftauchen, etwas Klischeehaftes. Und werden schnell hinter sich gelassen. In Leonard Cohens  „Halleluja“ – ergeht sich Valle in seinem Arrangement für Piano solo alsbald in technisch komplizierten, aber harmonisch harmlosen Umspielungen, die das ohnehin schwache Stück vollends in den Kitsch abgleiten lassen. Jerome Kerns „All the things you are“, ein Klassiker mit einer sehr komplexen harmonischen Struktur, die vielfältige Ansatzmöglichkeiten bietet, gerät in der Interpretation dieses Trios  - Tempo, Tempo – zum völlig überzogenen artistischen Showpiece. Über einen längeren Zeitraum einmal langsam spielen, der Musik Zeit zum Atmen lassen, an diesem Abend ging das wohl nicht. Eine Party sollte es sein laut Valle und so war es auch: gut gelaunt, etwas oberflächlich, laut,  manchmal auch lärmend – und zunehmend ermüdend. Cuban Jazz als die Wiederholung alter Klischees. Technisch brilliant, musikalisch doch eher eindimensional. Nur gelegentlich, etwa in den Zugaben, blitzt auf, dass es auch anders hätte sein können. Schade.

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Kultur als Realsatire

Das “literarische Flaggschiff des Kultursommers Rheinland-Pfalz” eröffnet mit  Anselm Grün und  „Die hohe Kunst des Älterwerdens“. Schon nach wenigen Sätzen der im Netz zu findenden Leseproben weiß man: Von diesem mit Rauschebart und Kutte dekorierten Geschreibsel über das Altern sollte man aus Gründen geistiger Hygiene die Finger lassen. Einige “Kostproben”:

Grün, Biografisches in miserablem Deutsch erzählend (Die Mutter darf – interessant für den Psychologen- nicht fehlen): “Meine Mutter war jahrelang Vorsitzende vom Frauenbund in der Pfarrei. Im Alter haben sich die Frauen jeden Montag getroffen und miteinander Kaffee getrunken. Dabei haben sie sich ganz viel aus ihrem Leben erzählt. Das war wie eine Therapiestunde für sie. Sie konnten ehrlich erzählen und mussten nichts beschönigen. So wurde jede gehört. Und alte Wunden wurden durch das Erzählen geheilt. Sie nahmen Anteil am Leben der anderen – auch an deren Krankheiten und Beschwerden, die mit der Zeit immer mehr auftraten. So fühlten sie sich nicht allein …”

Exegese betreibend ( Was für ein Frauenbild verbirgt sich hinter der zustimmenden Interpretation?): “Sie (Hanna) erfüllt das Idealbild der christlichen Witwe, das der Erste Timeothusbrief für die christliche Gemeide entwirft.`Eine Frau, die wirklich eine Witwe ist und allein steht, setzt ihre Hoffnung auf Gott und betet beharrlich bei Tag und Nacht.´

Tautologien von sich gebend: “Weise Alte verstehen das Leben.”

Selbstverständlich wird auch die Geistesgeschichte von Platon bis zu C. G. Jung und Romano Guardini bemüht – in ungelenken Sätzen und mit einer Textstrategie, die der Schriftsteller Horst Krüger, als er sich einmal über die Machart solcher Bücher äußerte,  so charakterisierte:

„Verfall und spätes Licht, Verlust und endlicher Gewinn, Stirb und Werde: Harmonisierungen auf der ganzen Linie. Zum Schluss soll immer so etwas wie eine Reifungsphase ins Absolute herauskommen: Der Greis tappt endlich ins Licht der Verklärung hinüber. Ein heruntergekommener deutscher Idealismus verschränkt sich mit einem missratenen Christentum.“

Dass  der Leiter des  Eifel – Literatur – Festivals, der im Hauptberuf Lehrer  für Deutsch (!) und Geschichte ist,  einen solchen sprachlichen und gedanklichen Müll für festivalwürdig hält und gar die Auftaktveranstaltung damit bestreitet, macht einen fassungslos. Und auch die Kulturredaktion des TV ist munter mit Artikeln über Grün dabei. Unbegreiflich, dass dort keiner sagt, das machen wir nicht.

Eintausendvierhundert Personen  werden zu Grün ins Wittlicher Eventum pilgern und damit Zeugnis über ihren geistigen Zustand ablegen. Das Festival bejubelt den gelungenen Vorverkauf.  Der Bürgermeister der Kulturstadt Wittlich sieht das Eventum  angesichts der Verkaufszahlen auf einem guten Weg und freut sich.

Kultur als Realsatire.

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Carla Bley Trio: Im Innern der Musik

Synagoge Wittlich,  Sonntagabend: Es spielt das Carla Bley Trio, Carla Bley, Piano, Steve Swallow, Bass, Andy Sheppard, Saxophon(e). Man sitzt da und hört und staunt und weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Qualität der Kompositionen, die Leichtigkeit des Spiels, die beiläufige Virtuosität, die Abstimmung des Trios aufeinander. Die Musik fließt, die Stücke – bis auf eines alle von Carla Bley –  spielen mit der Jazzgeschichte.  An ihrer Oberfläche die bekannten Formen und Konventionen, in ihrem Innern ein ständiger Perspektivenwechsel, immer neue Reflexionen, durchzogen von einer leisen Ironie. Motive, Phrasen, Melodien, Harmonien: Vieles glaubt man zu kennen, um dann sofort durch eine Modulation, eine überraschende Harmonisierung, eine rhythmische Variation eines Besseren belehrt zu werden. All dies geschieht sehr unauffällig, gänzlich uneitel und ist handwerklich extrem gut gemacht. Große Gesten, demonstrative Fingerzeige hat dieses Trio nicht nötig.  Eine Dekonstruktion des Jazz und zugleich auch seine positive Utopie, Musik voller Wärme und Poesie, intellektuell, subtil und sinnlich zugleich. Traumhaft.

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Der Tradition verpflichtet?

Das neue Programm der „Wittlicher Konzerte” liegt vor und einen Bericht über den Musikkreis der Stadt Wittlich gab es kürzlich auch im TV: Programmatisch bleibt alles, trotz vorsichtigster Annäherung ans zwanzigste Jahrhundert, wie gehabt, wie die Aussagen der Vorstandsmitglieder nahe legen.

„Wir fühlen uns der Tradition sehr verpflichtet.“

Welcher Tradition? Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms? Endet die Tradition mit der Romantik? Gehören Schönberg, Webern, Berg, Hindemith, Stravinsky nicht zur Tradition? Sind nicht Boulez und Henze, Holliger und Rihm auch Bestandteil der Tradition. Welcher Tradition fühlt man sich verpflichtet? Der der Fortschreibung von im 19. Jahrhundert entstandenen Rezeptionsgewohnheiten eines bürgerlichen Publikums, das “klassische” Musik  konträr zur Intention ihrer Urheber als Evasionsangebot nutzt und gereizt reagiert, wenn man es in seinem seligen Schlummer stört (Noltze)?

„Was sollten wir ändern, wo es so gut läuft?“

Sie sollten sich nicht nur der Tradition verpflichtet fühlen, sondern diese Verpflichtung auch umsetzen, mit Leben erfüllen. Tradition ohne Gegenwartsbezug ist tote Tradition, bl0ße Vergangenheit, mehr nicht. Alle großen Komponisten haben sich der Tradition  verpflichtet gefühlt und in Auseinandersetzung mit ihren Inhalten und Formen Neues geschaffen. Sich der Tradition verpflichtet fühlen heißt,  sie in den Kontext der Gegenwart zu stellen, Musik der Gegenwart ins Programm zu nehmen, öfter einmal mal etwas zu riskieren.

Warum also nicht Streichquartette von Beethoven in Kombination mit solchen von Stenhammar oder Rihm spielen lassen. Warum nicht Lieder von Schubert und Schumann mit solchen von Federico Mompou paaren. Warum nicht Bach und Schumann mit Kurtag kontrastieren? Frescobaldi  mit Cage, Schubert mit  Widmann? Die Gema-Gebühren mögen ärgerliche Mehrkosten sein, sind aber zu verkraften.

Warum also  nicht ein entdeckungsfreudiges, offenes, spannendes und Impulse gebendes Programm machen. Ansätze dazu hat es vor einigen Jahren ja durchhaus gegeben.

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Wittlicher Kulturtage – Ein Nachtrag

“Das Licht ist Gott, der herabsteigt, die Sonne – Bresche des Himmels, durch die der Herr sich verströmt.“

„Schwere Kost“  befand der  Rezensent  im TV und hat auch gleich  in Federico Garcia Lorca, dem Urheber dieser  Zeilen, das Problem ausgemacht.  Ja, diese Zeilen sind nicht Lifestyle – kompatibel,  kein um Publikumsgunst buhlender Poetryslam, kein Anekdötchen und nicht zwanghaft ironisch wie kürzlich die Geschichten von Kaminer in Greimerath. Aber schwere Kost?  Da stellt sich schon die Frage, was man denn an geistiger Nahrung so zu sich nimmt.

Und mit dieser Frage ist man beim Kernproblem der Wittlicher Kulturtage. Einmal abgesehen davon, dass ein enger gefasstes Motto wie „Text und Musik“, oder „Literatur und Musik“ die Auswahl für mein Empfinden genauer charakterisiert hätte, das Programm war gut zusammengestellt, interessant  und zeigt sichtbar die Absicht, der “Zerstreuungs- und Nivellierungsbedröhnung“ (Ulla Berkewicz) zu entgehen und etwas Nachhaltiges anzubieten: Galeano-Projekt, LeseConcert, Geschichten aus dem Stetl, Lorca-Abend.  Nur, es wurde nicht wirklich angenommen. Insgesamt tausend Zuhörer, das hört sich gut an, relativiert sich aber bei näherem Hinsehen. Zwei Veranstaltungen erzielen zusammen zwei Drittel der gesamten Zuhörerzahl. Die restlichen sechs nur etwa ein Drittel.  Die vierhundert Besucher beim Haydn – Oratorium  kamen in erster Linie nicht wegen Haydn, sondern weil sie ihre Freunde, Bekannten und Verwandten im Chor hören wollten. Das liegt in der Natur eines solchen Projektes. Bestens besucht auch der Abend mit den „Schönen Mannheims“. Aber machen wir uns nichts vor. Diese Truppe ist hübsch anzusehen, doch intellektuell und musikalisch eher brav, gehobene Unterhaltung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Lifestyle – kompatibel und deshalb ausverkauft. Das Galeano – Projekt: musikalisch und literarisch deutlich anspruchsvoller als die Schönen Mannheims und mit etwa siebzig Zuhörern auch deutlich schlechter besucht. Der Lorca-Abend: hinsichtlich Qualität und Rezitation der Texte, der sie begleitenden Musik und ihrer traumhaften Interpretation der einsame Gipfelpunkt der Kulturtage – und was die Zahl der Zuhörer betrifft, der absolute Tiefpunkt. Etwa zwanzig Zuhörer, ein beschämendes Desaster. Die Stadt verweist auf Terminkollisionen. Meines Erachten gilt dies höchstens für eine Handvoll potentieller Zuhörer.  Es lag nicht an der an diesem Abend gleichzeitig stattfindenden Weinprobe oder dem zeitgleich laufenden Jahreskonzert des Musikvereins Lüxem.  Es lag an der Beschaffenheit des Wittlicher „Kultur“ – Publikums. Entgegen allen Bekundungen ist dieses nämlich in seiner großen Mehrheit nicht aufgeschlossen und neugierig, man ist „verhaftet in seiner Peergroup“ (so ein Kenner der Wittlicher Szene) und möchte daran auch nichts ändern. (siehe Aussagen zum Kulturkonzept im heutigen TV, Kommentar folgt).

Das Licht ist Gott, der herabsteigt, die Sonne – Bresche des Himmels, durch die der Herr sich verströmt.“

Die Stadt bietet Kultur auf höchstem Niveau – Lorcas Gedichte sind  Weltliteratur, berückend schön, existentiell und politisch aktuell, Britten ist einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhundert, Norgard eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Musik, die Interpreten sind fabelhaft- und kaum einer geht hin.

Nicht die Stadt hat ein Problem mit Kultur, sondern ihre Bürger.

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“Krise – wo ist denn hier die Krise?” Hier, Herr Lintz!

Lieber Herr Lintz,

folgen Sie mir doch einfach ins Programmheft 2013 des Mosel-Musikfestivals:

Vorwort ( S. 6) eine Stelle aus Ausonius `Mosella´, der Intendant interpretiert: “*Alles hast du allein, was der Quell und der Bach und der Fluss hat… und der Fels und die sonnige Höh`, das Thal und der Abhang, dicht von Reben bepflanzt, ein herrlich Schauspiel uns zeigen*. Bildgewaltige Visionen über einen Fluss im  Herzen Europas, Eurovisionen könnte man sagen.”

“Sie (Simone Kermes) verwandelt die hohe Kunst des Koloraturgesangs in ein Rock´Roll- Feuerwerk.” (S. 47)

“Inmitten der römischen Bäderlandschaft des Thermenmuseums bietet sich den Fans auf der Couch, dem Boden oder im Sessel lümmelnd der ultimativ relaxte Konzertgenuß.”( S. 51)

“Dabei stellen die Akteure die internationale Klassikwelt buchstäblich ´auf den Kopf` und sprengen mit ihrer Übersetzung von Bachs ´Wohltemperierten Klavier` die Grenzen zwischen Klassik und Moderne. “( S. 65)

“Zum Vergnügen”(S.15) lautet die Überschrift der Konzertauflistung (S. 16/17).  Das erste Konzert auf dieser Liste: Benjamin  Brittens „War Requiem“.

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“Mit dem Licht der Zwischenräume arbeiten””

Peter Handke zum siebzigsten Geburtstag

“Im Zeichen der Erzählung habe ich angefangen! Weitertun. Sein lassen. Geltenlassen. Darstellen. Überliefern. Weiter den flüchtigsten der Stoffe bearbeiten, deinen Atem; dessen Handwerker sein. “(Nachmittag eines Schriftstellers, 1987)

„Schließ die Augen, und aus dem Schwarz der Lettern bilden sich die Stadtlichter.“  (Der Chinese des Schmerzes,1983)

„Ein Grollen kam dazu, eher ein fernes Rauschen im Luftraum, und fast zugleich empfand ich hautnah ein Gebrüll: den bösesten aller  Laute, Todes- und Kriegsgeschrei zugleich, ohne Ansatz das Herz anspringend, das sich in der Phantasie kurz als Katze buckelt. Ende der Farben und Formen in der Landschaft: Nur noch ein Gebissweiß, und dahinter bläuliches Fleischpurpur.“  (Die Lehre der Saint Victoire, 1980)

„Am 23.März 1987 war unter dem immergrünen Efeu an einer Hausmauer auf dem Felsenberg ein Blatt, das wie verwelkt wirkte. Als der Schatten eines Menschen  darauffiel, hob sich das Blatt in die Lüfte und öffnete Flügel, die an der Innenseite noch um ein vielfaches gelber waren  und geradezu einen Schein von sich gaben.“ (Für Thukydides, 1990)

„Während einer der Christmetten saß das Kind inmitten der Angehörigern in der dichtbevölkerten, blendhellen, von den bekannten Weihnachtsliedern schallenden Heimatkirche, umgeben von Tuch- und Wachsgeruch, und wurde befallen von der Müdigkeit mit der Wucht des Leidens.“ (Versuch über die Müdigkeit, 1989)

“Ich wußte deine Hautfarbe nicht mehr/Ich wußte deine Schuhgröße nicht mehr/Ich wußte deine Halsweite nicht mehr/Ich wußte deine Blutgruppe nicht mehr/Ich wußte deine liebsten Bäume nicht mehr /Ich wußte deine liebsten Tiere nicht mehr/Ich wußte deineVorlieben nicht mehr/Ich wußte deine Zeichen nicht mehr/Ich wußte deinen Namen nicht mehr/Ich wußte deine Tag- und Nachtträume nicht mehr/Ich wußte deine Richtung nicht mehr/Ich wußte deinen Todestag nicht mehr/Ich hatte das Bild von dir nicht mehr/Doch ich wußte und wußte und wußte um dich” (Der Bildverlust,2002)

„Ein Rabe flog vorbei und schrie, im weitaufgerissenen Schnabel das Blau des Himmels. (Tokyo,Mittag)“  (Gestern unterwegs,2005)

“Vorstellung von Paralleität auch tagsüber in den Momenten des Abbiegens von den Landstraßen querfeld- und waldein: Parallelität womit? Mit dem Aufstehen und Abseitsgehen zu den Stillen Orten, lebenslang und dann in solchem Gehen das Innehalten und Dastehen im Mittelpunkt des Erdkreises. Nichts als die weißen Kügelchen der Schneebeeren. Darunter die klitzekleinen Elipsen des Hasenkots. Spärlich ein Bühen: das der silbrigen Waldrebenbäusche, an den Waldrändern eine spiralig verschlungene, wie arabische Schrift imaginierend. Aus den schlammigen Schollen ab und zu ein kleinblättriges Gelb ragend: die ersten, oder letzten, übriggebliebenen Rapsblüten, von denen im Sommer ganz Europa  durchwürfelt sein wird. Als Blumen fast einzig die Gänseblümchen an den Wegrainen, französisch paquerettes, was vielleicht von Paques, Ostern, kommt? (Oder auch nicht.)” (Versuch über den Stillen Ort,2012)

 

 

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