Der arme Herr Jonathan. Notwendig gewordene Anmerkungen zu einer Rezension

“Bis bald, mein Herz,“ hatte Irma gesagt, als sie ging (i.e. starb, kultphil), sei nicht traurig, es ist kein Abschied für immer. Wir werden einander wieder begegnen, wenn auch deine Zeit gekommen ist. Vielleicht hast Du eine ganz besondere Aufgabe, die es zu erledigen gilt.“(Rosemarie Schmitt, Herr Jonathan…(unbeabsichtigte Erkenntnisse eines ehemaligen Bibliothekars),Kordel 2015, (S. 35 und nochmals S. 191)

Das ist  Kitsch, wie er kitschiger nicht sein könnte. Zu ihm gesellen sich – hier nur  eine kleine Auswahl – :

unfreiwillige Komik: „Irma verglich das Zusammenleben mit Jonathan mit dem von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Irmas Gedanken waren nicht immer die einer braven, biederen und konservativen Hausfrau, und Jonathan fand es spannend sich zu denken, was sein Irmchen wohl so dachte.“ (31) / „Ach Irmchen, was für ein Tag …“ sprach er zu dem leeren Sessel.“ (61)

abgegriffene Formulierungen: „Gevatter Tod“, „Väterchen Frost“, „weiß wie Schnee“, „der Oktober zeigte fürwahr seinen goldene Seite“ , „unbeschreibliche Leere“, .…

misslungene Formulierungen:„Er sah und hörte jedoch nichts außer dem Schnauben eines Bootes.“ (21) Kann man Schnauben sehen? /„Ähnlich wie eine Schallplatte mit einem Kratzer, deren Tonarm immer an der gleichen Stelle nicht weiter kommt…“ Seit wann hat eine Schallplatte einen Tonarm? (195) / “…wichen behutsam seine Panik, seine Verzweiflung.“ (87) Kann Panik, kann Verzweiflung „behutsam“ weichen? / „Von genau diesem Künstler war auch Irmas schwarzer Löwe, der Ellis Briefe bewachte, in dessen Rahmen Irma den Schlüssel ihrer Schreibtischschublade verborgen gehalten hatte“ (228) Im Rahmen des Löwen?

ein exzessiver Gebrauch von Demonstrativpronomen:„Als Jonathan diese Worte, diese Ausdrucksweise aus dem Mund dieses Mannes hörte, zweifelte er einen Augenblick daran, in der Lage zu sein, diese Unterhaltung weiterzuführen.“(13) /”Wieder setzte er dieses Grinsen auf. Plötzlich war er wieder da, dieser andere Jonathan, der Jonathan, der diesen Plan hatte.” (21) “Am größten war dieser Ärger, wenn er selbst dieser jemand war. (225)Ständig wird man auf irgendetwas hingewiesen.

unbeholfenes Deutsch: “Von diesem Augenblick an, der einige Minuten dauerte…”, (10) „…nach den ersten etwa zwanzig Takten…“(60) „Wie Jonathan so da stand und dachte….” (113) „Wie er so da saß, der Kater…“ (229) „mit akribischer Sorgfalt“ (230), „deprimierende Tristesse”(102)

schlicht falsches Deutsch: „Eine Bank, dessen blau gestrichene Sitzfläche….” (204)

Schwächen in der Konstruktion und Charakterzeichnung: Sie sind weit gravierender  als es die in wohlwollende Formulierungen gepackten Andeutungen des Rezensenten im TV  vermuten lassen.Die Figuren bleiben blass und wirklichkeitsfremd, marionettenhaft, ein Eigenleben wird ihnen nicht zugestanden, ihre Dialoge wirken häufig gestelzt. Die Stadt, in der der Roman spielt, Berlin, – ohne jede Atmosphäre. Mord, Verlust und Trauer, Betrug, Identitätsfindung, Vorurteile, Krankheit, alles wird verwurstet, ein Klischee folgt dem anderen. Die Autorin lässt ihre Protagonisten Beauvoir, Tucholsky, Kafka, Thackerey, Seneca lesen – merkwürdig folgenlos. Von deren analytischer Kraft und virtuoser Handhabung der Sprache  färbt jedenfalls nichts auf die Figuren und den Roman ab.Die Konzeption – der Roman enthält mehrere Ebenen (Gegenwart, Erinnerung, Briefebene, dazu noch eine Art Exkurs und am Ende auch noch die Verbindung des Fiktionalen mit dem Biographischen)- trägt nicht. Die einzelnen Erzählstränge sind voller unmotivierter Sprünge und Lücken.

Der arme Herr Jonathan! Klischeebeladen wird er durch die sterilen Kulissen eines sprachlich laienhaften und konzeptionell misslungenen „Romans“ bugsiert, den er selbst wohl in das hinterste Regal verbannt hätte.

Von einem gelungenen, anregenden Debüt, spricht der TV bzw. arn (TV/Kultur 16 April).

Lieber TV, ist das jetzt das Niveau, mit dem wir im Kulturteil rechnen müssen?

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Lesefrüchte III

Botho Strauss schreibt über sich, über seine Kinder-und Jugendjahre in Bad Ems, über seine Herkunft.

„Es ist nicht alles organisch, nicht alles Folge und Auffächerung, Fortschritt und Wachstum, was sich Leben nennt. Es bilden sich auch Kristalle: die sammeln und bündeln Strahlen und sind beständiger als Zeitspuren.“ (59) Strauß orientiert  sich an solchen Kristallen, verzichtet auf strenge Chronologie, erzählt vom unspektakulären Leben in der Kleinstadt, geprägt vom  durchaus spannungsreichen Verhältnis zum Vater, der  wichtigen, mehr als alle anderen prägenden Figur.  Ihm setzt er auch mit einer Beschreibung seiner Hände in einer Prosa von unglaublicher Schönheit ein literarisches Denkmal. Die Mutter, ebenfalls liebevoll gezeichnet, bleibt dagegen überwiegend im Hintergrund. Eltern, Wohnung,  Straßen,  Schulkameraden, Lehrer, die kleinstädtische Atmosphäre:  All dies wird in wenigen Worten lebendig, nie bloßstellend und doch nicht unkritisch.

Strauss ist ein Meister der Verdichtung, in der Beschreibung ebenso wie in der Reflexion. „Wer seine Erinnerungen erzählt, befindet sich nicht im Zustand des Erinnerns“. (62) Erinnern und über das Erinnern schreiben, sind zweierlei.  Beschreibung und Reflexion sind kunstvoll mit einander verwoben; der Superlativ von der meisterhaften Prosa, hier ist er angebracht.

Keine Autobiographie, kein Rückblick, vielmehr ein Buch der Erinnerung und zugleich eins der Verortung.  Ein Buch über die Bedeutung der Herkunft, sehr persönlich und doch über das Persönliche weit hinausgehend.

„Dennoch will es mir scheinen, als hätte ich aus tausend Veränderungen, Umstürzen und Digressionen nichts anderes als die Spur der Nachfolge bloßgelegt, das Relief einer Wiederholung, die Oberfläche einer tiefen Prägung.“ (92)

Man  folgt dem Schriftsteller in dessen Vergangenheit und blickt dabei gleichzeitg in die eigene.

Botho Strauss, Herkunft, Hanser Verlag , München 2014. Ein wunderbares Buch.

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Kurzkritik

Anselm Grün, Herzensruhe

Fünfzehnhundert Ruhelose sind im Wittlicher Eventum auf der Suche nach der inneren Ruhe. Der Pater spricht. Von unruhigen Zeiten, in denen wir lebten und der Wirtschaft, die den Menschen vereinnahme, von der Zeit , die uns auffrisst. Doch eine ernsthafte Kritik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse bleibt aus. Nur nicht die Verhältnisse zu stark kritisieren oder gar zur deren Veränderung aufrufen, denn das Publikum lebt ja doch ganz gut in ihnen, mit Hochleistungsmedizin,  sozialen Sicherungssystemen, mit TÜV,  Biobrot und Urlaub auf Mallorca und möchte so etwas eigentlich nicht hören. Es mag es lieber sprituell.  Deshalb schnell der Schwenk zur Innerlichkeit, ein bisschen was bei der Stoa ausleihen, etwas Populärpsychologie und die obligatorischen Bibelzitate. Reduktion von Komplexität. Kutte, Rauschebart und symbolische Geste tun das Übrige. Der Pater weist den Weg zur Herzensruhe. Oder vielleicht doch den zum Hirntod?

Frank Schätzing, Breaking News

„Die Sensation ist perfekt  Frank Schätzing kommt zum Eifel-Literaturfestival“. „Rabattaktion: 5€ auf jedes Ticket“ (Homepage des Eifel-Literaturfestivals). Peinlich. Frank Schätzing war tatsächlich da, tatsächlich in Wittlich, und ist nicht übers Wasser der Lieser gewandelt. Stattdessen gab es viel Getöse, etwas Gesang und Häppchen bestenfalls mittelmäßiger Literatur. Die Sensation war noch nicht mal ein Sensatiönchen.

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Nicht zuständig für kulturelle Bildungsarbeit

Anmerkungen zum TV-Interview mit dem Intendanten des Mosel-Musikfestivals Hermann Lewen

„Sommerfestivals sind nicht dazu da, kulturelle  Bildungsarbeit zu betreiben.“

Doch, sind sie! Nicht nur, aber auch! Und wie man es macht, kann man eine gute Autostunde von hier alljährlich im Juni bei  Lars Vogts „Spannungen“  in Heimbach erleben. Interessante Programme, die Tradition mit wenig Bekanntem und Neuem verbinden, Interpreten von Weltruf: ausverkaufte Konzerte. Von Lockenhaus in Österreich, das quasi schon Kultstatus hat, gar nicht zu reden.

„Und man will vor allem an ein anderes Publikum herankommen,…das nach Götz Alsmann und den Biermösl-Buam schließlich doch  bei ernsthafter Klassik landet.“

Ein beliebter, zur Fortschreibung des Bisherigen dienender Mythos.  (Analog wird im Umkreis des Eifel-Literaturfestivals argumentiert.) Nach 30 Jahren Festival müsste dann der Anteil derjenigen, die sich in der Region anspruchsvolleren, auch unbequemeren Programmen aussetzen, deutlich gestiegen sein. Ist er aber nicht, wie man beim Besuch von solchen Veranstaltungen leicht feststellen kann. Die „ziemlich regellose Buntheit“ (sehr schöner Begriff, Herr Möller, aber hier eigentlich ein Euphemismus), die Eventisierung,  die ständige Weichspülung führen de facto zu einer Praxis kultureller Unbildung.

“Man will neue Konzertformate in nicht alltäglichen Foren anbieten, man will ein breites Programmspektrum präsentieren.” 

Kulturmanagement-Deutsch in Reinkultur. Heißt übersetzt soviel wie, der Inhalt ist zweitrangig, das Ambiente zählt.

„Auf dem freien Markt wurde diese Sparte entdeckt und unter einem Motto wie „Pizza, Pasta, Opera“ vermarktet. Man muss sich auch diesem Markt stellen.“

Tut man ja. Indem man mitmacht. ( Vgl. „Krise…“ http://kultphil.blog.volksfreund.de/ ).

“Ja- und ich finde sie (“diese rapide Überalterung des Publikums”, eine Formulierung von Martin Möller) nicht besorgniserregend.“

Fast alle, die mit  der sogenannten klassischen Musik zu tun haben, sehen die Überalterung als großes Problem, zu Recht. Wo sollen in zwanzig, dreißig Jahren die Besucher herkommen, wenn jetzt schon ganze Altersgruppen an klassischer Musik kein Interesse mehr haben.  Wer das Interesse an klassischer Musik langfristig  sichern will, wer in dieser Musik einen kulturellen, über die bloße Unterhaltungsfunktion hinausgehenden Wert sieht, der muss das betreiben, für das sich Herr Lewen mit seinem Festival als nicht zuständig erklärt: kulturelle Bildungsarbeit.

„Eins ärgert mich dann doch: Dass das Mosel-Musikfestival in den Rheinland-pfälzischen  Fernsehprogrammen längst nicht so präsent ist wie Festivals vergleichbarer Größe und Ausrichtung.“

Die überregionale  Presse, Funk und Fernsehen nehmen  das Festival nicht sonderlich zur Kenntnis. Warum sollten sie? Es gibt etwa  500 Festivals  in Deutschland und was an der Mosel geboten wird, ist der ewig gleiche Mainstream, die „ziemlich regellose Buntheit“, gut organisiert, gewiss, und an netten Orten. Doch davon ist schon genug da. Bitte nicht noch mehr.

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Bildungsferne

Precht war da. Und 875 kamen. Die Bildungsrevolution ist angesagt. Im Publikum natürlich lauter Bildungsexperten. Dass kaum jemand von ihnen weiß, was ein Konsekutivsatz  ist: kein Problem. Denn ein solches Wissen ist Ballast, der wahren Bildung eher hinderlich. Dass Konsekutivsätze  sprachliche Mittel  sind, Wissen zu ordnen, Gedanken in eine logische Folge zu bringen -überflüssig. Man fühlt sich in seinem Nicht-Wissen angenommen.

Precht, der Vordenker einer Bildungsrevolution.  Seinen Kronzeugen Humboldt hat er nicht verstanden, wie Jürgen Kaube, Leiter des Ressorts Geisteswissenschaften der FAZ, in einer Besprechung von Prechts Buch nachgewiesen hat.  Seine Aussagen  über  Schule und Bildung sind voller Denkfehler, bleiben häufig vage, zeugen von nicht vorhandener praktischer Erfahrung. Wozu Fakten, wozu Sorgfalt, wozu intellektuelle Redlichkeit? Wenn man mal ertappt wird, verweist man auf die Glut des Apostels.

Ein kleines Beispiel: “»Die Arbeit des Philosophen«, meinte Ludwig Wittgenstein einmal, »ist ein Zusammentragen von Erinnerungen zu einem bestimmten Zweck, nämlich der übersichtlichen Darstellung.«” schreibt Precht (Anna, die Schule …S. 14) und bemüht hier eine Autorität, -den vielleicht bedeutendsten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts – zur eigenen Legitimation. Ausgerechnet Wittgenstein, der skrupulöse,der populärwissenschaftliche Vorträge verachtete (vgl Wittgenstein, “Ethik” in Ludwig Wittgenstein, Geheime Tagebücher 1914-1916, Wien 1991, S. 78.), muss herhalten.  Die Quelle – Philosophische Untersuchungen, PU §122,§ 127? – wird verschwiegen, ein vages “einmal” muss dem Leser reichen. Precht suggeriert, die Definition Wittgensteins sei aus sich heraus verständlich, und er mache genau das, was Wittgenstein intendiere. Dass dieser Begriff von Philosophie einer bestimmten Denkphase Wittgensteins zuzurechnen ist, dass er quasi den Gegenbegriff zum Begriff der logischen Exaktheit der Tractatus-Zeit darstellt, dass er hochkomplex und eben nicht aus sich heraus verständlich ist, dass er nicht kontextfrei verstanden werden kann, all dies verschweigt Precht.  Stattdessen: Name -Dropping verbunden mit gnadenloser Versimpelung um  Kompetenz und Bedeutsamkeit zu suggerieren. Auch Frau Emmerling ist darauf reingefallen, indem sie Prechts Verweis auf Wittgenstein prompt in einem Artikel aufgreift. “Aber Wittgenstein zitierend sieht Precht…”.(in TV 3.2.2014, Dressiert zu Anpassern).

Und das Publikum? Hat keine Ahnung und will auch keine haben. Bei ihm  zählt der revolutionäre Gestus. Das Vorurteil von der schlechten Schule soll sich bestätigen.  Wissen, Fakten und Logik spielen keine Rolle, Details stören nur.  Auch eine Form der Bildungsferne – und die conditio sine qua non der Popularität des Richard David Precht. Der Bildungsrevolutionär braucht für seinen Erfolg die mangelnde Bildung seiner Leser.

Ach ja, der Ev. Kirchenkreis Trier hat Precht zu einem Vortrag eingeladen und erhofft sich davon Impulse. Institutionalisierte Bildungsferne.

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Lesefrüchte II

Peter Trawny: Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Klostermann, Frankfurt am Main, 2014

Ein schmaler Band, knapp hundert Seiten, seine Sprache eher spröde als brilliant, sein Inhalt staubtrocken und doch hochbrisant, ein philosophisches und kulturelles Lehrstück.

Es geht um eine der zentralen Gestalten der Philosophie des 20. Jahrhunderts, um Martin Heidegger, von dem viele fasziniert waren, darunter auch viele Juden: Leo Strauss, Hannah Arendt,  Karl Löwith, Paul Celan, Emmanuel Levinas, Jacques Derrida, George Steiner. Genauer, es  geht um die Bedeutung antisemitischer Äußerungen – im wesentlichen sind es drei Abschnitte – , die sich in Heideggers nachgelassenen sogenannten Schwarzen Heften finden, die, so von ihm verfügt, als letzte  seines Nachlasses publiziert werden sollten.

Trawny, Betreuer dieser Nachlassedition und ein ausgewiesener Kenner der Philosophie Heideggers, geht bei der Bewertung dieser Stellen vorsichtig zu Werke, wägt ab, fragt, meidet pauschale Urteile, enthält sich jedweder Polemik. Gleichwohl scheint Fassungslosigkeit, Ernüchterung, Enttäuschung durch.

Sein Fazit ist eindeutig: Es handelt sich um einen „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“(11), der das Werk Heideggers „kontaminiert“. “Der Begriff  “der Kontamination” ist für das Folgende auf eine spezifische Weise wichtig. Der Antisemitismus, der bestimmte Passagen der “Schwarzen Hefte” befällt, kon-taminiert, berührt anderes mit. Die Folge ist, dass Gedanken, die bisher als neutrale theoretische Einsichten aufgefasst wurden, in einem anderen Licht erscheinen. Das geschieht, weil die Kontamination die Ränder von Gedanken angreift, sie auflöst, verwischt. Dadurch gerät die Topographie von Heideggers Denken ins Wanken. “(12)

Wie weit diese Kontamination reicht, darauf will sich Trawny nicht festlegen. Er sieht die Notwendigkeit einer kompletten Revision und hofft, dass etwas übrig bleibt. Aber: „Selbst wenn Heideggers Denken jene Revision überstehen wird, werden es die Sätze, um die es in den vorliegenden Überlegungen ging, wie aufbrechende Narben entstellen.“(103)

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Tempo, Tempo

Das Ramon Valle Trio spielt in Wittlich. Ein vielversprechender Beginn: Jazz mit Anklängen an barocke Rhetorik, (Präludium, Toccata, Fantasie)- eine hervorragend gemachte Verbindung über Jahrhunderte hinweg, die Erwartungen weckt. Doch diese werden nicht erfüllt, der Abend nimmt einen völlig anderen Verlauf. Die Mehrdimensionalität, die sich in diesem kurzen Prolog anzudeuten schien bleibt aus,  stattdessen jagt Valle verliebt in die eigene Virtuosität  in den diversen Stücken der beiden Sets durch die Skalen, hier eine Umspielung, da eine, dort auch noch eine, noch schneller und noch vertrackter. Bassist und Drummer arbeiten ihm dabei zu. Ein wirkliches Trio ist es nicht, eher eine Eins – plus – Zwei – Formation. Daran ändern auch die virtuosen Soli des Bassisten und das souveräne Spiel des Drummers nichts. Dynamische Gestaltung und Farben stehen im Hintergrund, die Modulationen sind eher konventionell, nicht wirklich überraschend. Langsame Passagen oder Piano-Stellen haben, wenn sie mal auftauchen, etwas Klischeehaftes. Und werden schnell hinter sich gelassen. In Leonard Cohens  „Halleluja“ – ergeht sich Valle in seinem Arrangement für Piano solo alsbald in technisch komplizierten, aber harmonisch harmlosen Umspielungen, die das ohnehin schwache Stück vollends in den Kitsch abgleiten lassen. Jerome Kerns „All the things you are“, ein Klassiker mit einer sehr komplexen harmonischen Struktur, die vielfältige Ansatzmöglichkeiten bietet, gerät in der Interpretation dieses Trios  – Tempo, Tempo – zum völlig überzogenen artistischen Showpiece. Über einen längeren Zeitraum einmal langsam spielen, der Musik Zeit zum Atmen lassen, an diesem Abend ging das wohl nicht. Eine Party sollte es sein laut Valle und so war es auch: gut gelaunt, etwas oberflächlich, laut,  manchmal auch lärmend – und zunehmend ermüdend. Cuban Jazz als die Wiederholung alter Klischees. Technisch brilliant, musikalisch doch eher eindimensional. Nur gelegentlich, etwa in den Zugaben, blitzt auf, dass es auch anders hätte sein können. Schade.

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Kultur als Realsatire

Das “literarische Flaggschiff des Kultursommers Rheinland-Pfalz” eröffnet mit  Anselm Grün und  „Die hohe Kunst des Älterwerdens“. Schon nach wenigen Sätzen der im Netz zu findenden Leseproben weiß man: Von diesem mit Rauschebart und Kutte dekorierten Geschreibsel über das Altern sollte man aus Gründen geistiger Hygiene die Finger lassen. Einige “Kostproben”:

Grün, Biografisches in miserablem Deutsch erzählend (Die Mutter darf – interessant für den Psychologen- nicht fehlen): “Meine Mutter war jahrelang Vorsitzende vom Frauenbund in der Pfarrei. Im Alter haben sich die Frauen jeden Montag getroffen und miteinander Kaffee getrunken. Dabei haben sie sich ganz viel aus ihrem Leben erzählt. Das war wie eine Therapiestunde für sie. Sie konnten ehrlich erzählen und mussten nichts beschönigen. So wurde jede gehört. Und alte Wunden wurden durch das Erzählen geheilt. Sie nahmen Anteil am Leben der anderen – auch an deren Krankheiten und Beschwerden, die mit der Zeit immer mehr auftraten. So fühlten sie sich nicht allein …”

Exegese betreibend ( Was für ein Frauenbild verbirgt sich hinter der zustimmenden Interpretation?): “Sie (Hanna) erfüllt das Idealbild der christlichen Witwe, das der Erste Timeothusbrief für die christliche Gemeide entwirft.`Eine Frau, die wirklich eine Witwe ist und allein steht, setzt ihre Hoffnung auf Gott und betet beharrlich bei Tag und Nacht.´

Tautologien von sich gebend: “Weise Alte verstehen das Leben.”

Selbstverständlich wird auch die Geistesgeschichte von Platon bis zu C. G. Jung und Romano Guardini bemüht – in ungelenken Sätzen und mit einer Textstrategie, die der Schriftsteller Horst Krüger, als er sich einmal über die Machart solcher Bücher äußerte,  so charakterisierte:

„Verfall und spätes Licht, Verlust und endlicher Gewinn, Stirb und Werde: Harmonisierungen auf der ganzen Linie. Zum Schluss soll immer so etwas wie eine Reifungsphase ins Absolute herauskommen: Der Greis tappt endlich ins Licht der Verklärung hinüber. Ein heruntergekommener deutscher Idealismus verschränkt sich mit einem missratenen Christentum.“

Dass  der Leiter des  Eifel – Literatur – Festivals, der im Hauptberuf Lehrer  für Deutsch (!) und Geschichte ist,  einen solchen sprachlichen und gedanklichen Müll für festivalwürdig hält und gar die Auftaktveranstaltung damit bestreitet, macht einen fassungslos. Und auch die Kulturredaktion des TV ist munter mit Artikeln über Grün dabei. Unbegreiflich, dass dort keiner sagt, das machen wir nicht.

Eintausendvierhundert Personen  werden zu Grün ins Wittlicher Eventum pilgern und damit Zeugnis über ihren geistigen Zustand ablegen. Das Festival bejubelt den gelungenen Vorverkauf.  Der Bürgermeister der Kulturstadt Wittlich sieht das Eventum  angesichts der Verkaufszahlen auf einem guten Weg und freut sich.

Kultur als Realsatire.

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Carla Bley Trio: Im Innern der Musik

Synagoge Wittlich,  Sonntagabend: Es spielt das Carla Bley Trio, Carla Bley, Piano, Steve Swallow, Bass, Andy Sheppard, Saxophon(e). Man sitzt da und hört und staunt und weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die Qualität der Kompositionen, die Leichtigkeit des Spiels, die beiläufige Virtuosität, die Abstimmung des Trios aufeinander. Die Musik fließt, die Stücke – bis auf eines alle von Carla Bley –  spielen mit der Jazzgeschichte.  An ihrer Oberfläche die bekannten Formen und Konventionen, in ihrem Innern ein ständiger Perspektivenwechsel, immer neue Reflexionen, durchzogen von einer leisen Ironie. Motive, Phrasen, Melodien, Harmonien: Vieles glaubt man zu kennen, um dann sofort durch eine Modulation, eine überraschende Harmonisierung, eine rhythmische Variation eines Besseren belehrt zu werden. All dies geschieht sehr unauffällig, gänzlich uneitel und ist handwerklich extrem gut gemacht. Große Gesten, demonstrative Fingerzeige hat dieses Trio nicht nötig.  Eine Dekonstruktion des Jazz und zugleich auch seine positive Utopie, Musik voller Wärme und Poesie, intellektuell, subtil und sinnlich zugleich. Traumhaft.

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Der Tradition verpflichtet?

Das neue Programm der „Wittlicher Konzerte” liegt vor und einen Bericht über den Musikkreis der Stadt Wittlich gab es kürzlich auch im TV: Programmatisch bleibt alles, trotz vorsichtigster Annäherung ans zwanzigste Jahrhundert, wie gehabt, wie die Aussagen der Vorstandsmitglieder nahe legen.

„Wir fühlen uns der Tradition sehr verpflichtet.“

Welcher Tradition? Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms? Endet die Tradition mit der Romantik? Gehören Schönberg, Webern, Berg, Hindemith, Stravinsky nicht zur Tradition? Sind nicht Boulez und Henze, Holliger und Rihm auch Bestandteil der Tradition. Welcher Tradition fühlt man sich verpflichtet? Der der Fortschreibung von im 19. Jahrhundert entstandenen Rezeptionsgewohnheiten eines bürgerlichen Publikums, das “klassische” Musik  konträr zur Intention ihrer Urheber als Evasionsangebot nutzt und gereizt reagiert, wenn man es in seinem seligen Schlummer stört (Noltze)?

„Was sollten wir ändern, wo es so gut läuft?“

Sie sollten sich nicht nur der Tradition verpflichtet fühlen, sondern diese Verpflichtung auch umsetzen, mit Leben erfüllen. Tradition ohne Gegenwartsbezug ist tote Tradition, bl0ße Vergangenheit, mehr nicht. Alle großen Komponisten haben sich der Tradition  verpflichtet gefühlt und in Auseinandersetzung mit ihren Inhalten und Formen Neues geschaffen. Sich der Tradition verpflichtet fühlen heißt,  sie in den Kontext der Gegenwart zu stellen, Musik der Gegenwart ins Programm zu nehmen, öfter einmal mal etwas zu riskieren.

Warum also nicht Streichquartette von Beethoven in Kombination mit solchen von Stenhammar oder Rihm spielen lassen. Warum nicht Lieder von Schubert und Schumann mit solchen von Federico Mompou paaren. Warum nicht Bach und Schumann mit Kurtag kontrastieren? Frescobaldi  mit Cage, Schubert mit  Widmann? Die Gema-Gebühren mögen ärgerliche Mehrkosten sein, sind aber zu verkraften.

Warum also  nicht ein entdeckungsfreudiges, offenes, spannendes und Impulse gebendes Programm machen. Ansätze dazu hat es vor einigen Jahren ja durchhaus gegeben.

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